Gewerbeentzug und Berufsverbote
Arisierung jüdischen Vermögens
Lahnstraße 28

Wer übernahm in den Jahren der Boykottaufrufe und der »Arisierungen« die jüdischen Geschäfte, die nicht mehr weiter existieren konnten? Die Bandbreite der Erwerber war groß, aber nicht jeder war ein skrupelloser Profiteur. Es gab Freunde und Nachbarn, die Geschäftsräume von jüdischen Kaufleuten kauften oder anmieteten, obwohl ihnen eigentlich das Geld fehlte. Andererseits gab es aber auch diejenigen, die Kapital anlegen wollten oder die Notlage ihrer früheren jüdischen Geschäftskollegen für ihre eigene berufliche Expansion nutzten.

August Best beispielsweise, der Inhaber des früheren Wetzlarer Sporthauses Best, kaufte nicht nur in Wetzlar das großflächige Gebäude der Viehhandlung Heldenmuth (heute: Karl-Kellner-Ring 45), sondern im Februar 1938 auch das Geschäftshaus des jüdischen Kaufmanns Hesekiel Rothschild in bester Einkaufslage in der Gießener Bahnhofstraße. Bei der Übernahme von Liegenschaften jüdischer Geschäftsleute wurden die »arischen« Pächter und Mieter meist von der NS-Kreisleitung angehalten, den Betrieb, das Ladenlokal oder das Haus auch käuflich zu erwerben. Grundsatz dabei war aber auch, dass der jüdische Vorbesitzer nicht vom Verkauf profitieren durfte und dass der NS-Staat durch Zwangsabgaben seinen Nutzen ziehen konnte.

Als der Gastwirt Adolf Rühl aus der Lahnstraße 30 in Wetzlar 1938 von der verwitweten Meta Kessler die Räume der von ihr aufgegebenen Pferdemetzgerei in der Lahnstraße 28 anmieten wollte, um einen Handel für Därme und Fleischereibedarf zu eröffnen, wurde der Mietvertrag von der NS-Kreisleitung nur unter der Voraussetzung genehmigt, dass »der Volksgenosse Adolf Rühl das Anwesen der Jüdin Meta Kessler in einer bestimmten Zeit käuflich erwirbt«. Im März 1940 bot ihm daraufhin die Nachbarin ihr Haus für 14.000 RM zum Kauf an. Außerdem wurde noch eine Hypothek in Höhe von 3.000 RM von Rühl übernommen.

Das kleine Schlachthaus in der Idingstraße musste Meta Kessler im November 1940 verkaufen. Meta Kesslers Ehemann August hatte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs das Monopol für die Verwertung von Schlachtpferden innerhalb der gesamten preußischen »Rheinprovinz« erworben. Durch die Demobilisierung der deutschen Streitkräfte standen zahllose kranke, alte und erschöpfte Pferde zur Schlachtung an. Pferdefleisch war seinerzeit vor allem bei der ärmeren Bevölkerung und den Hundebesitzern begehrt. Meta Kessler und ihr Sohn Karl wurden am 10. Juni 1942 deportiert und sind seitdem verschollen. Das von Adolf Rühl erworbene Kessler‘sche Haus wurde im Zweiten Weltkrieg von einer Luftmine zerstört.

»Wir hatten mit Kesslers eine gute Nachbarschaft und Meta Kessler war für uns die Oma«, erinnert sich eine Tochter von Adolf Rühl. »Unser Vater unterstützte die Nachbarin nach Kräften und wurde in der Stadt als Judenfreund geschmäht.« Noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestand Briefkontakt zwischen der Familie Rühl und einer in den USA lebenden Enkelin von Meta Kessler.

Meta Kessler,
geb. Königstal, wurde am 29.03.1884 in Carlshafen, Kreis Geißmar, geboren. Sie war verheiratet mit August Kessler (26.04.1877) aus Plettenberg und wohnte, von Gießen kommend, seit 1907 in Wetzlar, Lahnstraße 28.

Schon während der Krankheit und nach dem frühen Tod ihres Mannes führte Meta Kessler mit großer Energie das Geschäft weiter und sorgte für den Unterhalt der Familie. 1933 wurde ihr die Erlaubnis zur Weiterführung der Pferdemetzgerei entzogen.

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