Das Textilhaus Gold
Flucht und Vertreibung
Weißadlergasse 3

Im Anschluss an den auch in Wetzlar öffentlich organisierten Boykott jüdischer Geschäfte, Arzt- und Rechtsanwaltspraxen im März 1933 wurden führende Sozialdemokraten, Gewerkschafter und jüdische Frauen und Männer in »Schutzhaft« genommen.

Die Parteiorganisationen der SA und der SS traten hierbei stets als Handlanger der Polizeibehörden in Erscheinung. Viele Personen wurden verhaftet (u.a. die sozialdemokratischen Stadtverordneten Gustav Locke und Fritz Ziegler, Fritz Becker, Lagerhalter des Konsum-Vereins, Friedrich Fischer, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins sowie die jüdischen Kaufleute Heinrich Stern, Brückenstraße 3–5, Nathan Rosenthal, Bahnhofstraße 31, Theodor Gold, Weißadlergasse 3 und Josef Katzenstein, Lehrer und Prediger der jüdischen Gemeinde in Wetzlar).

Theodor David Gold
Kaufmann, wurde am 28.11.1884 in Wüstensachsen, Kreis Gersfeld, geboren. Er betrieb gemeinsam mit seiner Schwester Rosalie seit 1913 das Wäschegeschäft Mignon Nachf. Inhaber Geschwister Gold, in der Krämerstraße 20, Wetzlar.

Schutzhaft für: »Ihr seid alle Lumpen«
Theodor David Gold wurde schon bei der Festnahme verprügelt, als er das »Hilfspolizeikommando« der SS und der SA und die Polizeibeamten angeblich mit den Worten »Ihr seid alle Lumpen« beschimpfte. Die Menge sei dann auf ihn eingestürmt, und Gold wurde mit Verletzungen am Kopf und am linken Auge in die Hauptwache eingeliefert. Aufgrund der Proteste von Familienangehörigen und der beherzten Intervention von Ernst Leitz beim stellvertretenden Landrat wurden die Festgenommenen anderntags wieder frei gelassen.

Vertreibung
Theodor David Gold hat dann 1935 sein Haus »zu einem freundschaftlichen Preis« an den alteingesessenen Wetzlarer Handwerksmeister Alfred Grell verkauft. Für die Ladeneinrichtung erhielt er 400 RM, für die Waren 5.000 RM und für das Haus selbst 25.000 RM (nach dem Krieg hat Theodor Gold noch etwas vom Wert des Hauses hinzubekommen). Da der Vater im I. Weltkrieg Frontkämpfer war, hatte seine Tochter Lore als einzige jüdische Schülerin das Lyzeum in Wetzlar, die Lotteschule, auch nach 1933 weiter besuchen können.

Verarmt, aber überlebt
Als sich aber die Anfeindungen der Mitschülerinnen und der Lehrer häuften (»Ich setze mich nicht neben das Judenkind« oder »Du hast nichts unter deutschen Kindern zu suchen«), nahm ihr Vater sie schließlich von der Schule und zog im Januar 1936 mit seiner Familie zunächst nach Frankfurt am Main um und wanderte 1940 in die USA aus. Dort arbeitete das Ehepaar in der wie üblich schlecht bezahlten Krankenpflege. Auf der Seite einer amerikanischen Zeitung mit Familienanzeigen emigrierter deutscher Juden aus dem Jahr 1942 ist zu lesen: »Die Vermählung unserer Tochter Lore mit Herrn Max Taubenköbel (früher: Wien) beehren wir uns anzuzeigen / Theodor David Gold und Frau Hedy geb. Thalberg / Brooklin N.Y. (früher: Wetzlar / Frankfurt).« Lore, deren Mann in den USA den Namen Markus Taft angenommen hatte, erlag 1984 einem Herzinfarkt.

Ihre Tochter Linda Feinstein besuchte 1997 zum ersten Mal Wetzlar, die Heimatstadt ihrer Mutter.

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