Eroberungsfeldzüge und Terror zuhause:
Zwei Seiten derselben Medaille

VON ERNST RICHTER

Der Terror im eigenen Land und die Eroberungskriege waren gemeinsam
eine Daseinsvoraussetzung für den Faschismus

Die Kriegsverbrechen 1939 und 1945 waren nur möglich durch die faschistische Gleichschaltung der deutschen Gesellschaft 1933 und die notwendige Voraussetzung dafür, dass die Nazi-Diktatur nicht finanziell kollabierte. Die Unterdrückung anderer Völker und der Terror gegen Widerständige waren zwei Seiten der gleichen Medaille des nazistischen Größenwahns.

Gleichschaltung als unabdingbare Voraussetzung für die Kriegsführung

2021 jährt sich nicht nur zum 80sten Mal der Überfall auf die damalige Sowjetunion, sondern auch zum 88sten Mal die Zerschlagung der freien Gewerkschaften. In den frühen Morgenstunden des 2. Mai 1933 stürmten die Nazis – von langer Hand vorbereitet – reichsweit die Gewerkschaftshäuser, verhafteten die Gewerkschaftsfunktionäre und beschlagnahmten das Vermögen der Gewerkschaften. So auch geschehen in Wetzlar, wo das Haus des Deutschen Metallarbeiterverbandes am Beginn der Hermannsteiner Straße gestürmt wurde.

Unmittelbar nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes (mit dem sich der Reichstag am 27. März mit den Stimmen der NSDAP und der bürgerlichen Parteien selbst auflöste) entwickelte Josef Goebbels einen streng geheim gehaltenen, teuflischen Plan, wie man die Gewerkschaften in die Knie zwingen wollte.

Heute wissen wir das alles nur, weil Goebbels in seinem Tagebuch am 20. April 1933 festhielt:

Zitat aus Goebbels Tagebuch zur Zerschlagung der Gewerkschaften

Quelle: Deutsches Bundesarchiv – Design © Wetzlar erinnert e.V.

—› Siehe auch 2. Mai 1933: Zerschlagung der freien Gewerkschaften

Aufrüstung durch gigantische Verschuldung

Das gigantische Aufrüstungsprogramm für die Kriegsvorbereitungen zog eine gigantische Verschuldung des deutschen Staates nach sich. Die Volkswirtschaft drohte – trotz Vollbeschäftigung und Boom in der Rüstungsindustrie – zu kollabieren. Der finanzielle Bedarf für Rüstung wurde als mittelfristiges Problem gesehen, eine hohe Verschuldung insbesondere durch kurzfristige Kredite wurde dafür in Kauf genommen. Es sollte eine durch begrenzte militärische Aktionen erzwungene territoriale Expansion folgen. Zunächst behalf man sich damit, staatlich beschlagnahmte Vermögen deutscher Juden zur Stabilisierung des Reichshaushaltes zu missbrauchen.

Granatrohlinge, hergestellt bei Buderus-Guss © Wetzlar erinnert e.V.

Arbeitsbeschaffung und Rüstung bedurften bereits ab 1933 des Einsatzes der Notenpresse zu ihrer Realisierung. Hjalmar Schacht als Reichsbankpräsident ermöglichte den Umlauf von »Sonderwechseln«, die von der Reichsbank gedeckt und vom Staat garantiert wurden. Die Zusammenhänge um diese Wechsel blieben der Öffentlichkeit zunächst verborgen. Einerseits sollte keine Klarheit über das Ausmaß der künftigen Rüstungsinvestitionen und damit über den Bruch des Versailler Vertrages bestehen. Andererseits sollte am Geldmarkt keine Unsicherheit über die Stellung der Reichsmark aufkommen und damit eine unerwünschte Entwertung (Inflation) erfolgen.

Für Rüstungsausgaben wurden 11,9 Milliarden Reichsmark von 1934 bis 1938 gedeckt.

Ausplünderung, Unterdrückung, Vernichtung

Um diese finanzpolitische Seifenblase nicht platzen zu lassen, waren die Annexion Österreichs, die Zerschlagung und Besetzung der Tschechoslowakei, der Angriffskrieg auf Polen und Frankreich sowie die Besetzung der Benelux-Staaten mit der Ausplünderung der jeweiligen Volksvermögen verbunden. Man brauchte deren Vermögen, um den nationalsozialistischen Größenwahn finanzieren zu können.

Nach Ermittlungen im Jahr 1946 erbeutete das nationalsozialistische Deutschland in den besetzten Gebieten Gold im Wert von 700 Millionen Dollar.

Privater Konsum als Binnennachfrage stellte in der NS-Wirtschaft keinerlei Bedeutung dar, da alle Ressourcen der Intensivierung der Rüstung dienen sollten. Bei den weiteren Eroberungskriegen im Osten, Norden und Süden Europas wurden aber die Brandschatzungen mit immer brutaler werdenden Methoden fortgeführt. Hinzu kam aber auch die systematische Ausplünderung der dortigen Ernährungs- und Lebensgrundlagen. An der Ostfront wurde die Barbarei von Jahr zu Jahr heftiger praktiziert.

—› Siehe auch Todeskommandos

Sie waren Grundvoraussetzung dafür, das eigene Volk im Deutschen Reich ernähren zu können. Mal abgesehen davon, welche Schnäppchen manche Frauen der Soldaten (siehe das Lied: »Und was bekam des Soldaten Weib« von Bert Brecht) von der Front nach Hause geschickt bekamen.

»Und was bekam des Soldaten Weib …« von Bert Brecht und Kurt Weill:

Von Bert Brecht (1942 im Exil), vertont von Kurt Weill,
vorgetragen von der großen Brechtinterpretin Gisela May, geb. am 31. Mai 1924 in Wetzlar.

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus der alten Hauptstadt Prag?
Aus Prag bekam sie die Stöckelschuh’
Einen Gruss und dazu die Stöckelschuh’
Das bekam sie aus der Hauptstadt Prag

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus Warschau am Weichselstrand?
Aus Warschau bekam sie das leinerne Hemd
So bunt und so fremd, ein polnisches Hemd
Das bekam sie vom Weichselstrand

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus Oslo über dem Sund?
Aus Oslo bekam sie das Kräglein aus Pelz
Hoffentlich gefällt’s, das Kräglein aus Pelz
Das bekam sie aus Oslo am Sund

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus dem reichen Rotterdam?
Aus Rotterdam bekam sie den Hut
Und der steht ihr so gut, der holländische Hut
Den bekam sie aus Rotterdam

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus Brüssel im Belgischen Land?
Aus Brüssel bekam sie die seltenen Spitzen
Ha, das zu besitzen, so seltene Spitzen
Die bekam sie aus Belgischem Land

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus der Lichterstadt Paris?
Aus Paris bekam sie das seidene Kleid
Zu der Nachbarin Leid, das seidene Kleid
Das bekam sie aus der Stadt Paris

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus dem lieblichen Tripolis?
Aus Tripolis bekam sie das Kettchen
Das Amulettchen am Kopfe mit Kettchen
Das bekam sie aus Tripolis

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus dem weiten Russland?
Aus Russland bekam sie den Witwenschleier
Zur Totenfeier den Witwenschleier
Den bekam sie aus Russland

Aufrechterhaltung der Rüstungsindustrie

Für die Angriffskriege gegen fremde Länder und deren Annexionen musste im Deutschen Reich die Rüstungsproduktion weiterlaufen. Aber wie, wenn man die deutschen Arbeitskräfte gleichzeitig als Soldaten an der Front benötigte? So entstand das System der Zwangsarbeit, zu der man insgesamt mehr als 12 Mio. Zivilisten aus den von den Nazis besetzten Gebieten in ganz Europa zur Arbeit im Reich verpflichtete. Auch das war eine Ausplünderung der benachbarten Völker. Die SS, die die Menschen mit Waffengewalt aus ihren Heimatländern nach Deutschland verschleppte und an die Unternehmen vermietete, war das erste und gleichzeitig das größte Zeit- und Leih­arbeitsunternehmen, welches die Welt je gesehen hat. In Wetzlar waren zwischen 1941 und 1945 knapp 10.000 dieser Menschen im Einsatz. Mehr als die Hälfte musste in Barackenlagern leben, die sich kaum von den KZ-Baracken unterschieden. Sie litten Hunger, ihre Bekleidung war zerlumpt, die schwere Arbeit 12 Stunden am Tag, es war Sklavenarbeit!

Auf dem Friedhof in Niedergirmes liegen die Gebeine von rund 350 Menschen, die während ihrer Zwangsarbeit im Altkreis oder der Stadt Wetzlar ums Leben kamen. Hauptsächlich »Ostarbeiter«, wie man die aus der damaligen SU verschleppten Menschen bezeichnete.

Banner KDV-Gräberfelder Niedergirmes

Grabplatten auf dem Gräberfeld in Niedergirmes © Ernst Richter

Kritik am Faschismus und seinen Kriegsplänen

Der 32-jährige Betriebselektriker bei Buderus, Heinrich Schneidmüller aus Wetzlar, wurde im September 1939 wegen staatsfeindlicher Äußerungen angezeigt. Nach Zeugenaussagen soll er gesagt haben:

»Russland lockt Deutschland nur in eine Falle. Wenn wir in einen Krieg eintreten, gibt es kein Deutschland mehr. Wir sind ja alle innerlich noch das, was wir waren, das andere ist heute ja nur äußerliches Zeug. Was die Soldaten machen, weiß man noch nicht. Es ist nicht bewiesen, dass England schuld ist, dass Polen in einen Krieg gezogen ist.«

Er wurde von seinem Arbeitsplatz entfernt. Betriebszellenobmann der NSDAP Kohlhauer hatte der Polizei am 29. April 1940 berichtet, dass auf der Toilette des Buderus’schen Hochofenbetriebs drei Pfeile mit der Unterschrift »Frei-Heil« aufgetaucht seien und in einem anderen Klosett die Inschrift:

Der Krieg ist für die Reichen,
der Mittelstand muss weichen,
die Armen geben Leichen.

Widerstand wurde mit dem Tod bestraft

Im Juli 1941 wird der Buderusarbeiter Erich Deibel verhaftet. Ihm wurde zu Last gelegt, die am 22. Juli vormittags in der Abortanlage des Buderus’schen Stahlwerks entdeckte Kreideschrift: »Arbeiter Helft Russland – Streikt – auf Für KBD« (Originalschreibweise) angebracht zu haben. Daneben befand sich ein großer Sowjetstern mit Hammer und Sichel. Auf der Innenseite der Nachbartoilette stand ebenfalls mit Kreide geschrieben: »Auf für die KPD«.

Der Volksgerichtshof verurteilte ihn wegen Hochverrat zum Tode. Das Urteil folgte der Anklage und legte einen deutlichen Schwerpunkt auf den Streikaufruf. Damit habe Deibel das deutsche Volk an seiner verwundbarsten Stelle angegriffen. Würden den »sonst stets überlegenen deutschen Soldaten« die Waffen fehlen, sei der Untergang Deutschlands besiegelt.

Das Urteil wurde am 15. August 1942 in Berlin-Plötzensee durch das Fallbeil vollstreckt. Gnadengesuche von Erich Deibels Mutter und seiner Ehefrau wurden abgelehnt. Die Hinrichtung wurde in Wetzlar durch Plakate, die in den Geschäften aufgehängt waren, bekannt gemacht. Als mahnendes Beispiel dafür, was geschieht, wenn man sich gegen die Herrschenden auflehnt.

Todelsurteil für Erich Deibel Montage

Links: Passbild von Erich Deibel, rechts der Aushang in den Wetzlarer Geschäften © IG Metall

—› Siehe auch die Informationen zum Buderusarbeiter Erich Deibel

Wer Widerstand leistete, musste befürchten, durch die eigene Familie oder im nächsten Bekanntenkreis verraten zu werden. Die Unterdrückung der eroberten Länder und der Terror gegen die Widerständigen in der Heimat waren zwei Seiten der gleichen Medaille. Ein organisierter Widerstand gegen die Nazidiktatur war seit 1934 nicht mehr möglich. Deshalb konnte eine Befreiung nur von außen stattfinden, und deshalb waren die Alliierten nicht Besetzer, sondern Befreier Deutschlands!

Fazit

Wer Widerstand leistete, musste befürchten, durch die eigene Familie oder im nächsten Bekanntenkreis verraten zu werden. Die Unterdrückung der eroberten Länder und der Terror gegen die Widerständigen in der Heimat waren zwei Seiten der gleichen Medaille. Ein organisierter Widerstand gegen die Nazidiktatur war seit 1934 nicht mehr möglich. Deshalb konnte eine Befreiung nur von außen stattfinden, und deshalb waren die Alliierten nicht Besetzer, sondern Befreier Deutschlands!

Quellen: Wikipedia, DGB-Mittelhessen, IG Metall-Mittelhessen, Dr. Bergis Schmidt-Ehry, Bernd Lindenthal (Wetzlarer Geschichtsverein), Historisches Archiv der Stadt Wetzlar

Beitrag Nr. 7 »Vom Nazi zum DDR Volkskammerabgeordneten«

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