WETZLAR ERINNERT e.V.
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Jüdisches Getto für die letzten Familien,
die 1942 noch in Wetzlar wohnten 

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Wir bitten um Verständnis.

Schauen Sie bitte im Januar 2022 noch einmal vorbei, danke!

1942 mussten 28 jüdische Bürger*innen ihre Wohnung verlassen und in eine Baracke ziehen.
Dort lebten sie auf engstem Raum, ihren sicheren Tod vor Augen.

Der Hausrat der betroffenen Familien wurde durch das Finanzamt an »Arier« versteigert. Diese Menschen wurden am 10. Juni 1942 und 28. August 1942 gemeinsam mit allen anderen Jüdinnen und Juden, die noch im Altkreis Wetzlar lebten, über Frankfurt a.M. in die Vernichtungslager verschleppt. Das Ende der immer schärfer gewordenen Ächtung, Demütigung, Ausgrenzung und Verfolgung gegen jüdische Mitbürger*innen im NS-Staat.

Es haben nur einige wenige Wetzlarer Juden die Konzentrationslager überlebt. Zwei von ihnen sind nach Wetzlar zurückgekehrt.

In dem nachfolgendem Aufklappmenü können Sie detaillierte Informationen und Dokumente einsehen, die Ursula und Heike Fokken in der nächsten Zeit zusammenstellen werden. Wir danken Doris Ebertz, Dr. Susanne Meinl und Karsten Porezag dafür, dass wir auf deren Wissen und Kompetenzen zurückgreifen konnten, um diese Informationen heute und für nachfolgende Generationen veröffentlichen zu können.

Orientierungsplan zu den Standorten der Baracke, der 2005 am GEWOBAU-Wohnhaus Jahnstraße 3 A angebrachten Tafel und dem genauen Standort der ehemaligen Baracke – – – – – – –

Der Elektroingenieur Klaus J. Mohr, der im Juni 1933 in Wetzlar-Niedergirmes geboren wurde und dort seine Kindheit verlebte, schildert am 26. März 2005 Karsten Porezag in einem Brief die Ereignisse, die sich im Frühjahr 1942 in der Jahnstraße abspielten:

BETRIFFT: Aufzeichnung über zeitliche Vorkommnisse im Kriegsjahr Juno – Sept. 1942 in Wetzlar Niedergrimes

MEINE DATEN:
Klaus Julius Mohr, geb. am 29.07.1933 in Wetzlar-Niedergirmes. Sohn von Julius Jacob Mohr und Fraue Elisabeth Mohr, geb. Ketzler, Beruf des Vaters: Elektriker bei Stahlwerke Rüchling-Budereus. [ … ] Die Großeltern betrieben eine Landwirtschaft in Niedergirmes. Großvater arbeitet als Zimmermann auf der Grube Raab Taubenstein.

Meine Kinderjahre verlebte ich in Niedergirmes. Unser Elternhaus-Neubau wurde im Jahre 1937 in der Siechhofstraße 26 neu bezogen. Vater war bei Kriegsbeginn 1933 UK gestellt, obwohl nicht in der NSDAP. Ab 1940 wurde er aus beruflichen Gründen zur Technischen Nothilfe verpflichtet. Kurz nach meiner Einschulung 1939 in die Hans-Schlemm-Schule (Niedergirmes) wurde mein erster Klassenlehrer und Rektor Dr. Lichtenberger als Reserveoffizier zur Wehrmacht eingezogen, womit das Schleppklassendasein[1] seinen Anfang nahm.

Zu dieser Zeit war das Kriegsgeschehen noch überschaubar ohne besondere Vorkommnisse. Außer bei? Und Feindsender Abhörung, Draht die Staatsgewalt nicht viel in Erscheinung.

Es muss dann im Sommer 1942 gewesen sein, als die Führungskräfte SA, Polizei und Gestapo einige jüdische Familien aus dem Bannviertel (in Niedergirmes wohnten nach meinen Kenntnissen keine Juden) zu uns nach Niedergirmes in die Jahnstraße 3, einen Flachbau das als Waschräume der früher hier ansässigen Ziegelei gedient hatten, eingewiesen wurden.

Mir waren einige der hier bei agierenden Herren bekannt, deren uniformiertes, zackiges auftreten ich als Neunjähriger bewunderte. Im Einsatz waren:

  • Ortsgruppenleiter Sinn (SA Niedergirmes)
  • Polizeibeamter Ranft (Ortspolizist)
  • Polizeibeamter Kutscheraber (Ortspolizist)
  • Mehrere Kraftfahrer mit städtischen LKWs.

Für die hauptsächlichen menschenunwürdigem Maßnahmen wie Schläge und Fußtritte war ein Herr Köhlinger als Angehöriger der SS und GESTAPO zuständig.

Diese Leute wurden mit städtischen LKWs in die Jahnstraße befördert und führten entsprechendes Gepäck und zum Teil noch Kleinmöbel mit sich. Die Räumlichkeiten konnten jedoch nicht alle aufnehmen [ gemeint sind hier die Möbel ], sodass der im Verhältnis große Hof noch als Lagerstelle eingerichtet wurde. Über Tage wurden dann Registrierungsmaßnahmen durchgeführt mit entsprechenden Verhören und es erfolgte ständig ein zu und Abgang von Personen unter Bewachung von normalen, bewaffneten Wehrmachtsangehörigen. Auch das mitgeführte Gepäck und die Möbelstücke wurden veräußert oder beschlagnahmt. An bestimmten Tagen wurden unter dem Einfluss o.g. Staatsorganen (es waren fast immer die gleichen Beteiligten) Gruppen zusammengestellt und abtransportiert. Im Volksmund wurde als Ziel dieser Transporte von »Rüstungslager« gesprochen. Das Ganze dauerte nach meinem Empfinden zirka zwei Monate, so dass dann wieder der Alltag ein kehrte. Bei den Leuten wurden auch Juden aus Ehringshausen gesichtet, welche meinen Großvater als Viehhändler bekannt waren.

Ich habe den Krieg im Verhältnis gut überstanden, nach Schulabschluss 1947 eine Lehre als Betriebselektriker bei Röchling-Buderus absolviert und nach weiterer Berufsausbildung als Meister und später als Elektroingenieur war ich bei der Firma Siemens bis zum Berufsruhestand tätig. Die Jahnstr blieb mein Leben lang mein Betätigungsfeld, da ich ab 1950 am dortigen Feuerwehr Depot der »Freiwilligen Feuerwehr Stadt Wetzlar – Wache 2 Niedergirmes) als Mitglied und hierbei 35 Jahre im Vorstand und 20 Jahre als wer Führer tätig war.


[1] Der Begriff Schleppklassen
steht dafür, dass eine Lehrkraft aufgrund von eklatanten Raum- bzw. Lehrkräftemangel eine Klasse in Schlepp nehmen musste. Durch die Einberufung vieler Lehrer als Wehrmachtsoldaten war der Lehrkraftmangel vorprogrammiert, später verschärfte sich im Laufe des Kriegs und der Nachkriegszeit der Kapazitätsmangel durch fehlende Klassenräume bedingt durch die Zerstörungen in Folge der Luftangriffe. Der Unterrichtsbedarf konnte nur durch Schichtbetrieb in der Schule einigermaßen gedeckt werden.

Nachfolgende Bilder aus der Jahnstraße sind in der Nachkriegszeit entstanden.

Wir danken Karsten Porezag dafür, dass wir die von ihm im Jahr 2005 von Anwohner*innen aus der Jahnstraße gesammelten Bilder hier veröffentlichen können © Karsten Porezag »Als Aus Nachbarn Juden wurden«, erschienen bei Wetzlar-Druck, 2004. Das Buch ist leider vergriffen.

Deportation jüdischer Mitbürger 1942 am Bhf WetzlarQuelle: Das Foto muss aus der Wetzlarer Neuen Zeitung stammen, allerdings ist das Erscheinungsdatum und die Frage, wer das Bild 1942 aufgenommen hat, nicht mehr zu ermitteln (leider!). Allerdings stand unter der Zeitungsveröffentlichung folgende Bildlegende:

Deportation 1942:
Dieses Foto hat großen Seltenheitswert und ist ein Dokument der Zeitgeschichte geworden. Es entstand 1942 auf dem Wetzlarer Bahnhofsvorplatz und zeigt, wie, bewacht von SA und SS, die letzten Wetzlarer Juden weggebracht werden. Ein bekannter Wetzlarer hatte damals den Mut, heimlich mit der Leica die Deportation der Juden aufzunehmen.

Fest steht, dass die Deportationen der letzten jüdischen Familien aus dem Altkreis Wetzlar am 10. Juni und am 26. August 1942 nach Frankfurt verbracht und von dort jeweils einen Tag später in Güterzügen mit tausenden anderen Jüdinnen und Juden von der Frankfurter Großmarkthalle in die Vernichtungslager im Osten verschleppt wurden. Nur wenige Wetzlarer Jüdinnen und Juden haben die Konzentrationslager überlebt, zwei von ihnen sind nach Wetzlar zurückgekehrt.

Maßnahmen zur Ausgrenzung, Benachteiligung, Demütigung, Vertreibung und Ermordung von Juden
Mit Beginn der Naziherrschaft werden jüdische Mitbürger*innen im Deutschen Reich diskriminiert, erniedrigt, verfolgt und gejagt und später ermordet. Die Hetze gegen Juden prägte die NSDAP seit ihrer Gründung 1923.

Sie basierte auf der Verabschiedung von Gesetzen und Verordnungen des NS-Unrechtsregimes. Den NSDAP-Kreisleitungen oblag die administrative Überwachung und Koordination der »Maßnahmen«

Hier eine chronologische Übersicht 1933–1945:*
1933

  • März:
    erste lokale Ausschreitungen der SA gegen jüdische Mitbürger*innen
  • 1. April:
    Boykott jüdischer Geschäfte
  • 7. April:
    Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums; durch den »Arierparagraphen« werden die jüdischen Beamten (11. April), Arbeiter und Angestellte bei den Behörden (4. Mai) und jüdische Honorarprofessoren, Privatdozenten und Notare entlassen
  • 22. April:
    jüdische Ärzte dürfen nicht mehr für Krankenkassen arbeiten
  • 25. April:
    Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen; Begrenzung der Anzahl jüdischer Schüler und Studenten entsprechend dem Bevölkerungsanteil auf 1,5 %
  • 16. Juni:
    »Unerwünschten« (hierzu zählen auch Juden) kann die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt werden.
  • Im Deutschen Reich leben noch rund 500.000 Juden
  • 14. Juli:
    Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit; Gesetz richtet sich gegen die »Ostjuden«
  • 6. September:
    Der Verkauf jüdischer Zeitungen im Straßenhandel wird verboten.
  • 29. September:
    Reichserbhofgesetz: Bauer kann nur sein, wer deutscher Staatsbürger, »deutschen oder stammesgleichen Blutes« und ehrbar ist.
  • 28. Dezember:
    jährliche Begrenzung der Neuaufnahme jüdischer Studenten an den Hochschulen auf 15.000

1934

  • 5. Februar:
    Ausschluss jüdischer Studenten von Examen für Ärzte und Zahnärzte
  • 21. April:
    das rituelle Schächten wird verboten
  • 22. Juli:
    jüdische Studenten werden nicht mehr zu Prüfungen beim Jurastudium zugelassen
  • 18. August:
    Einschränkung der Zahl jüdischer Berufsschüler
  • 8. Dezember:
    Jüdische Mitbürger*innen werden nicht mehr zur Apothekerprüfung zugelassen

1935

  • 13. Februar:
    Zulassungsbeschränkung für Zahnärzte
  • Mai/August:
    Boykottpropaganda gegen jüdische Mitbürger*innen; gewaltsame Ausschreitungen in verschiedenen Städten; lokale Verbote verwehren jüdischen Mitbürger*innen den Zutritt zu Kinos, Schwimmbädern, Parkanlagen, Kurorten, Gaststätten
  • 21. Mai:
    »Arierparagraph« für Offiziere, d.h. jüdische Männer dürfen kein Offizier mehr sein
  • 26. Juni:
    jüdischen Mitbürger*innen wird der Eintritt in den Reichsarbeitsdienst verboten
  • 8. Juli:
    »Ariernachweis« notwendig für die Aufnahme in die Reichsschaft der Studierenden
  • 25. Juli:
    Nichtarier werden vom Wehrdienst ausgeschlossen
  • 6. August:
    jüdische Künstler werden im Reichsverband jüdischer Kulturschaffender zwangserfasst
  • 10. September:
    Reichserziehungsminister Rust will noch im Schuljahr 1936 eine möglichst vollständige Rassentrennung durchführen
  • 15. September:
    auf dem NSDAP-Parteitag Parteitag der Freiheit werden die Nürnberger Gesetze verkündet; Reichsbürgergesetz, Gesetz zum Schutze des »deutschen Blutes« und der »deutschen Ehre«. Das bedeutet u.a.: Nur Staatsangehörige »deutschen oder artverwandten Blutes« können »Reichsbürger« werden. Jüdische Mitbürger*innen dürfen Staatsangehörige deutschen Blutes nicht mehr heiraten.
    Jüdische Mitbürger*innen dürfen deutsche Hausangestellte unter 45 Jahren nicht beschäftigen (Nürnberger Rassengesetze).
    Unabhängig davon, ob Menschen aus jüdischen Familien sich als gläubige »Juden« verstehen oder nicht, werden sie als »Juden« im Sinne einer Rasse definiert.
  • 30. September:
    Alle jüdischen Beamte werden beurlaubt
  • 14. November:
    Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz entfernt jüdische Mitbürger*innen aus dem Staatsdienst und den öffentlichen Ämtern

1936

  • 11. Januar:
    jüdische Mitbürger*innen dürfen nicht mehr als Steuerhelfer arbeiten
  • 7. März:
    jüdische Mitbürger*innen besitzen kein Reichstagswahlrecht mehr
  • 24. März:
    keine staatlichen Beihilfen mehr für kinderreiche jüdische Familien
  • 26. März:
    jüdische Mitbürger*innen werden nicht mehr als Leiter oder Pächter von Apotheken zugelassen
  • 15. Oktober:
    jüdische Lehrer dürfen keinen Privatunterricht an »deutschblütige« Schüler erteilen

1937

  • 15. April:
    jüdische Mitbürger*innen dürfen nicht mehr promovieren
  • 2. Juli:
    durch Runderlass des Reichserziehungsministeriums werden Sonderklassen für »jüdische Schüler« an öffentlichen Schulen gebildet
  • 2. Juli:
    jüdische Mitbürger*innen erhalten nur noch in besonderen Fällen Auslandspässe
  • 4. November:
    jüdischen Mitbürger*innen wird der »Deutsche Gruß« verboten

1938

  • 28. März:
    jüdische Gemeinden werden von bisher Körperschaften öffentlichen Rechts zu privaten Vereinen herabgesetzt
  • 22. April:
    Verordnungen gegen die Tarnung jüdischer Betriebe durch arische Geschäftspartner
  • 26. April:
    Anmeldung jüdischen Vermögens über 5.000 RM
  • 19. Mai:
    1. Verordnung zum Personenstandsgesetz; frühere Zugehörigkeit zur jüdischen Religion ist zu vermerken
  • 9. Juni:
    Zerstörung der Münchener Synagoge
  • 14. Juni:
    jüdische Betriebe sind als solche zu kennzeichnen (3. Verordnung zum Reichsbürgergesetz)
  • 15. Juni:
    Juni-Aktion; ca. 1.500 jüdische Bürger werden, da sie als vorbestraft gelten (auch Verkehrsdelikte), verhaftet und in Konzentrationslager verbracht
  • Juni:
    jüdische Mitbürger*innen und nichtjüdische Mitbürger*innen müssen in Krankenhäusern getrennt werden
  • 6. Juli:
    jüdische Mitbürger*innen dürfen Auskunfteien, Maklergeschäfte, Bewachungsbetriebe, Heiratsvermittlungen, Hausverwaltungen, Fremdenführung und Wandergewerbe nicht mehr betreiben
  • 23. Juli:
    Einführung einer mit »J« versehenen Kennkarte für Juden; gilt ab 01.01.1939
  • 25. Juli:
    allgemeines Berufsverbot für jüdische Ärzte; jüdische Ärzte dürfen nur noch jüdische Mitbürger*innen behandeln
  • 10. August:
    Zerstörung der Synagoge in Nürnberg
  • 17. August:
    jüdische Mitbürger*innen müssen ab 01.01.1939 den zusätzlichen Vornamen Sara bzw. Israel annehmen; Reichserziehungsminister Rust lässt die gesamte jüdische und hebräische Literatur in Deutschland erfassen
  • 27. September:
    Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte; dürfen als Konsulenten nur noch jüdische Klienten vertreten
  • 5. Oktober:
    Reisepässe von jüdischen Mitbürger*innen werden eingezogen; Neuausstellungen sind mit einem »J« versehen
  • 28. Oktober:
    17.000 jüdische Mitbürger*innen polnischer Staatsangehörigkeit werden ausgewiesen und an die polnische Grenze gebracht
  • 9. November:
    Reichspogromnacht (Reichskristallnacht); reichsweite Zerstörung der Synagogen, in der Regel durch Anzünden und Niederbrennen der jüdischen Gotteshäuser. In Wetzlar wird die Einrichtung der Synagoge geschändet und zerstört, aber nicht angezündet, weil Herr Waldschmidt befürchtet, dass der Brand auf die angrenzenden Fachwerkbauten seiner Brauerei übergreifen kann.
  • 10. November:
    jüdische Zeitungen werden verboten; es erscheint nur das offizielle Jüdische Nachrichtenblatt
  • 12. November:
    Der Gesamtheit aller »deutschen Juden« wird eine Sühneleistung von 1 Milliarde Reichsmark auferlegt.
    Die »Juden« müssen alle Schäden des Pogroms auf eigene Kosten sofort beseitigen.
    »Juden« dürfen keine Geschäfte und Handwerksbetriebe mehr führen.
    »Juden« dürfen keine Theater, Lichtspielhäuser, Konzerte und Ausstellungen mehr besuchen.
  • 15. November:
    Alle jüdischen Kinder werden aus deutschen Schulen entfernt.
  • 19. November:
    jüdische Mitbürger*innen haben nur noch Anspruch auf jüdische Wohlfahrtsunterstützung
  • 21. November:
    Judenvermögensabgabe wird bei einem Freibetrag von 5.000 RM auf 20% des Vermögens festgesetzt
  • 23. November:
    Alle jüdischen Betriebe werden aufgelöst.
  • 28. November:
    jüdische Mitbürger*innen dürfen sich ab sofort nicht mehr zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Gebieten bewegen
  • 3. Dezember:
    Führerscheine und Kraftfahrzeugzulassungen von jüdischen Mitbürger*innen werden eingezogen. Sie müssen ihre Betriebe verkaufen, ihre Wertpapiere und Schmucksachen abliefern.
  • 8. Dezember:
    Verbot des Besuchs von Hochschulen für Juden
  • 12. Dezember:
    Beschränkungen für Juden bei der Ausfuhr von Wertsachen und Devisen bei der Auswanderung
  • 21. Dezember:
    jüdische Schulkinder weiterhin schulpflichtig; aber nur noch Besuch jüdischer Privatschulen erlaubt
  • 28. Dezember:
    Judenbann: Verbot des Besuchs bestimmter öffentlicher Einrichtungen; Fahrt in Schlaf- und Speisewagen wird für jüdische Mitbürger*innen verboten
  • 31. Dezember:
    jüdische Verlage und Buchhandlungen geschlossen

1939

  • 1. Januar:
    Verbot aller jüdischen Organisationen
    Juden müssen Kennkarten bei sich führen. Sie dürfen nur noch jüdische Vornamen haben. Wenn sie deutsche Namen führen, müssen sie zusätzlich den Namen »Israel« bzw. »Sara« annehmen.
  • 17. Januar:
    jüdischen Zahn- und Tierärzten sowie Apothekern wird die Zulassung entzogen
  • 24. Januar:
    Reichszentrale für jüdische Auswanderung geschaffen; Leiter wird der Chef der Sicherheitspolizei Heydrich
  • 21. Februar:
    jüdische Mitbürger*innen müssen Schmuck und Edelmetalle abliefern
  • 4. März:
    arbeitslose jüdische Mitbürger*innen werden zu Zwangsarbeiten verpflichtet
  • 24. März:
    die zerstörten Synagogen sind durch die jüdischen Kultusvereinigungen abzutragen
  • 30. April:
    jüdische Mitbürger*innen wird das Mietrecht eingeschränkt, sie müssen »arische Wohnhäuser« räumen und »Judenhäuser« beziehen. Auch in Wetzlar entsteht ein Judenghetto (Jahnstraße, Waldgirmes)
  • 17. Mai:
    im Deutschen Reich leben noch rund 215.000 Juden
  • 16. Juni:
    Heilbäder und Kurorte sind nur noch mit Sondergenehmigung und bei strikter Rassentrennung für jüdische Mitbürger*innen betretbar
  • 1. September:
    Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Überfall der faschistischen Wehrmacht auf Polen
    Ausgangsbeschränkung für jüdische Mitbürger*innen ab 20 Uhr, im Sommer ab 21 Uhr
  • 20. September:
    jüdische Mitbürger*innen im Deutschen Reich und in den besetzten Ländern müssen Radioapparate abliefern
  • 21. September:
    Juden-Pogrome durch die faschistische Wehrmacht und Waffen-SS im besetzten Polen.
  • 12./17. Oktober:
    erste Deportationen von jüdischen Mitbürgern*innen aus Österreich und den Protektorat Böhmen und Mähren nach Polen
  • 19. Oktober:
    als »Sühneleistung« wird die Vermögensabgabe der jüdische Mitbürger*innen von 20% auf 25% erhöht
  • 23. November:
    Einführung des »Judensterns« in Polen

1940

  • 23. Januar:
    jüdische Mitbürger*innen erhalten keine Reichskleiderkarte, Lebensmittelkarten werden mit einem »J« versehen
  • 12./13. Februar:
    erste Deportationen von jüdischen Mitbürger*innen aus dem Reichsgebiet
  • 6. Februar:
    jüdische Mitbürger*innen erhalten keine Kleiderkarten mehr
  • Juni
    jüdische Mitbürger*innen ist das Einkaufen erst ab 15.30 Uhr erlaubt
  • Juni/August:
    Madagaskar-Plan Plan der Deutschlandabteilung des Auswärtigen Amtes, die europäischen jüdischen Mitbürger*innen auf die französische Insel zu deportieren
  • 29. Juli:
    jüdischen Mitbürger*innen werden Telefonanschlüsse gekündigt
  • 1. September:
    jüdische Mitbürger*innen müssen einen »Judenstern« tragen. Sie dürfen ohne polizeiliche Genehmigung ihren Wohnbezirk nicht mehr verlassen.
  • 14. Oktober:
    Beginn der allgemeinen Deportationen aus Deutschland
  • 22./23. Oktober:
    jüdische Mitbürger*innen aus Baden, Saarpfalz und Elsass werden ins unbesetzte Frankreich deportiert; Internierung im Lager Gurs
  • 24. Dezember:
    jüdische Mitbürger*innen müssen neben der Einkommensteuer noch eine 15%ige Sozialausgleichsabgabe entrichten

1941

  • 7. Januar:
    jüdische Mitbürger*innen müssen Sondersteuer in Höhe von 15 % entrichten
  • 7. März:
    jüdische Mitbürger*innen werden zur Zwangsarbeit herangezogen
  • 1. September:
    jüdische Mitbürger*innen ab dem sechsten Lebensjahr müssen den »Judenstern« tragen
  • 18. September:
    jüdische Mitbürger*innen benötigen Erlaubnis für Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln
  • 1. Oktober:
    Verbot der Auswanderung jüdischer Staatsbürger aus dem Deutschen Reich
  • 14. Oktober:
    Befehl zur Deportation von jüdischen Mitbürger*innen aus dem Reichsgebiet (auch Berlin), Transporte bis Januar 1942
  • 25. November:
    deportierten jüdische Mitbürger*innen wird die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt; ihr Besitz verfällt dem Deutschen Reich
  • 30. November:
    10.000 deutsche und einheimische jüdische Mitbürger*innen bei Riga erschossen
  • 12. Dezember:
    Verbot der Benutzung öffentlicher Telefone für jüdische Mitbürger*innen und von Telefonanschlüssen

1942

  • 1. Januar:
    im Deutschen Reich leben noch rund 130.000 Juden
  • 10. Januar
    jüdische Mitbürger*innen müssen alle Woll- und Pelzsachen abliefern
  • 20. Januar:
    Wannsee-Konferenz in Berlin: Maßnahmen zur »Endlösung der Judenfrage« beschlossen
  • 15. Februar:
    jüdische Mitbürger*innen dürfen keine Haustiere halten
  • 17. Februar:
    jüdische Mitbürger*innen dürfen keine Zeitungen und Zeitschriften beziehen
  • 13. März:
    jüdische Mitbürger*innen müssen ihre Wohnungen mit einem »Judenstern« kennzeichnen
  • Ende März:
    erste Transporte von jüdischen Mitbürger*innen aus Deutschland und Westeuropa auch nach Auschwitz
  • 24. April:
    jüdische Mitbürger*innen ist die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel untersagt
  • 12. Mai:
    jüdische Mitbürger*innen dürfen keine arischen Friseure aufsuchen
  • 15. Mai:
    jüdische Mitbürger*innen wird das Halten von Haustieren verboten, sie müssen alle entbehrlichen Kleidungsstücke abliefern
  • Juni:
    Beginn der Massenvergasungen in Auschwitz/Birkenau;
    Deportationen nach Theresienstadt
  • 11./22. Juni:
    jüdische Mitbürger*innen erhalten keine Rauch- und Eierkarten
  • 12. Juni:
    jüdische Mitbürger*innen müssen alle elektrischen und optischen Geräte, Fahrräder und Schreibmaschinen abliefern
  • 20. Juni:
    alle jüdischen Schulen werden geschlossen
  • 1. Juli:
    Unterrichtsverbot für jüdische Schüler
  • 17. Juli:
    blinde und schwerhörige jüdische Mitbürger*innen dürfen keine Armbinden zur Kennzeichnung im Verkehr mehr tragen
  • 30. Juli:
    jüdische Gemeinden müssen jüdische Kultgegenstände aus Edelmetall abliefern
  • 19. September:
    jüdische Mitbürger*innen erhalten keine Fleisch- und Milchmarken
  • 5. Oktober:
    Himmler befiehlt die Deportation aller jüdische Mitbürger*innen aus Konzentrationslagern im Reich nach Auschwitz
  • 9. Oktober:
    jüdische Mitbürger*innen dürfen nicht mehr in arischen Buchhandlungen kaufen

1943

  • 27. Februar:
    jüdische Mitbürger*innen aus Berliner Rüstungsfirmen nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert
  • 30. April:
    jüdische Mitbürger*innen wird die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen
  • 19. Juni:
    Reichspropagandaminister Goebbels erklärt Berlin für »judenrein«
  • 1. Juli:
    jüdische Mitbürger*innen in Deutschland verlieren Rechtsschutz durch die Justiz und unterstehen nur noch der Polizei
  • 1. September:
    im Deutschen Reich leben noch rund 15.000 Juden

1945

  • 27. Januar:
    Die Rote Armee der Sowjetunion befreit die dort noch lebenden KZ-Häftlinge von Auschwitz (erst 60 Jahre später wird dieser Tag von der UNO als »Holocaustgedenktag« proklamiert).
  • 29. März:
    Eine Panzereinheit der US Armee rückt von Hermannstein kommend auf Wetzlar vor. Am selben Tag befreit die US-Armee Wetzlar vom Hitlerfaschismus. Die NSDAP-Kreisleitung versucht zuvor an der Buderus-Villa ihre Akten in Ölfässern zu verbrennen. Danach flüchten die höheren Nazifunktionäre. Die US-Armee beschlagnahmt die Buderus-Villa und findet die Akten von Transportbefehlen für »Halbjuden« (nach den Nürnberger Gesetzen Menschen, die Kinder von Mischlingsehen, also Christen und Juden) in die Vernichtungslager im Osten, die nicht mehr umgesetzt werden konnten. Hierunter zählen auch mind. zwei Wetzlarer Kinder.
    Von den Täter*innen der NS-Verbrechen konnten sich sehr viele einer gerechten Strafe entziehen. Die wenigen Überlebenden bzw. viele der Nachfahren haben sehr oft demütigende Befragungen und unerträgliche Nachweisführungen erbringen müssen, wenn sie im Nachkriegsdeutschland einen Anspruch auf Regress, Wiedergutmachung oder einfach nur eine Entschuldigung verlangten.

—————————–
Quellen:

Siehe auch »Jüdisches Leben in Wetzalr«
Liste der Menschen, die die Deportation nicht überlebten

Die Tafelstifter:

Tafel 10: »Jüdisches Getto 1942« • Ansicht + Download als PDF

Die Tafelstifter:

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