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Gedenktafel
zur Erinnerung an die
Gestapo-Verhörstelle Wetzlar

Geheime Staatspolizei verhörte im Aldefeldschen Haus

Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) – zunächst »Geheimes Staatspolizeiamt« (Gestapa) – war eines der wichtigsten Herrschaftsinstrumente des NS-Staates. Entstanden ist sie im Jahre 1933 im Zuge des Machtantritts der NSDAP. Sie ging aus der Umstrukturierung der politischen Polizei der Weimarer Republik durch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) hervor.

Wesentliche Aufgaben der Gestapo waren die Überwachung der Gesellschaft und die Verfolgung der Gegner*innen des NS-Regimes. Damit wurden aus politischen Gründen u.a. Kommunist*innen, Sozialdemokrat*innen sowie Gewerkschafter*innen und aus rassistischen Gründen insbesondere Jüdinnen und Juden von ihr verfolgt. Darüber hinaus als rassistisch definierte »Gemeinschaftsfremde« und »Asoziale« wie Sinti und Roma. In den ersten beiden Jahren ihres Bestehens wurden ca. 35.000 Menschen in SA-, SS- und Gestapo-Haftanstalten inhaftiert und erlitten Folterungen, hunderte von ihnen wurden getötet. 1938 schwoll ihre Zahl auf zeitweise 60.000 Inhaftierte an. Siehe —› Website der Bundeszentrale für Politische Bildung und —› Wikipedia

Im Nachfolgenden detaillierte Informationen zur Gestapo und dem Polizeigefängnis Klapperfeldstraße (Frankfurt am Main), in dem Dr. Elsie Kühn-Leitz aus Wetzlar für Monate gefangen gehalten wurde.

Hier kommen Sie direkt zu:

  1. Aufgaben, Ziele, Organisation, Methoden und Aufbau der Gestapo
  2. Staatspolizeiliche Praxis der Gestapo und ihre Gegnergruppen
  3. Elite – Mitarbeiter – Denunzianten der Gestapo
  4. Die Frankfurter Geheime Staatspolizei
  5. Das Polizeigefängnis Klapperfeldstraße
  6. Dr. Elsie Kühn-Leitz als Zeitzeugin
  7. Schilderungen von Elsie Kühn-Leitz über den Gefängnisalltag
  8. Elsie Kühn-Leitz überlebt
  9. Informationsquellen und Literaturhinweise

Kapitel 1:
Aufgaben, Ziele, Organisation, Methoden und Aufbau

Gründung 1933 – erste Jahre bis 1936

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde die deutsche Polizei nach NS-Ideologie verändert. Schon am 22. Februar 1933 wurde die Sturmabteilung (SA) zur Hilfspolizei erklärt und somit stand die Polizei unter direktem Einfluss der SA.

Nach dem Reichstagsbrand
Mit der Notverordnung vom 28. Februar 1933, »Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat« (auch Reichstagsbrand-Verordnung genannt) wurden die polizeilichen Befugnisse ausgedehnt. Die Grundrechte wurden außer Kraft gesetzt. Die Polizei konnte von nun an »in unmittelbarer normenfreier Anwendung der Staatsgewalt alle hierfür erforderlichen Maßnahmen (…) treffen.« Hausdurchsuchungen und Festnahmen konnten willkürlich durchgeführt werden. Massenverhaftungen gegen SPD und KPD fanden statt, Gewerkschaftshäuser und Zeitungsredaktionen wurden besetzt.

Wiederherstellung des Berufsbeamtentums
Nach dem Machtantritt der NSDAP und dem Erlass des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 hatte man alle Beamten, die nicht der nationalsozialistischen Ideologie zustimmten, ohne Pensionsansprüche aus dem Dienst entlassen. Die Polizei wurde landesweit »gleichgeschaltet«.

Heinrich Himmler
Am 17. Juni 1936 wurde die Polizei im Reichsinnenministerium neu gegliedert und Heinrich Himmler unterstellt. Heinrich Himmler, Reichsführer Schutzstaffel (SS) und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern hatte von nun an zwei reichszentrale Hauptämter inne: Die Ordnungspolizei und die Sicherheitspolizei, welche sich aus dem Staatspolizeiamt und dem Preußischen Landeskriminalamt zusammensetzte. Schutzpolizei, Gendarmerie und Gemeindepolizei wurden unter der Leitung von Kurt Daluege unter dem Dach der Ordnungspolizei gesammelt und die Sicherheitspolizei setzte sich aus der Kriminalpolizei und der Geheimen Staatspolizei unter der Führung von Reinhard Heydrich zusammen.

Das Instrument der »Schutzhaft«

Das bereits Ende Februar 1933 wesentlich verschärfte Instrument der »Schutzhaft« ermöglichte es der Gestapo, Gegner unbegrenzt in Schutzhaftlager und Konzentrationslager (KZs) einzuweisen.

Ohne irgendeine Aktion getätigt zu haben, konnten Menschen zu »objektiven« Gegnern bzw. Staatsfeinden erklärt werden. Dies betraf zunächst Vertreter und Anhänger aus der Arbeiterbewegung. Später aber auch alle, die durch den NS-Staat zu »Staatsfeinden« oder »Volksschädlingen« erklärt wurden.

Verhaftung in Frankfurt 1933

Jagd auf politische Andersdenkende. Szene in Frankfurt im Frühjahr 1933 @ Bild: Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945

»Vorbeugende« Verbrechensbekämpfung

Mit dem Erlass des Reichsministerium des Inneren am 14. Dezember 1937 über »Vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei« konnte die Polizei im Sinne der NS-Ideologie alle als »gemeinschaftsfremd« klassifizierten Menschen nicht nur überwachen, sondern sie auch sofort in Haft nehmen oder sie in ein Konzentrationslager deportieren.

Mit dem zweiten Gestapo-Gesetz vom 30. November 1933 wurde die Gestapo ein völlig selbstständiger Zweig der inneren Verwaltung, welche direkt dem Ministerpräsidenten (Göring) unterstellt war.

Repressionsinstrument gegen politische Gegner
Zusätzlich wurde die Gestapo nun zu einem Repressionsinstrument, um gegen die politischen Gegner des NS-Regimes vorzugehen. Allerdings wurde vor allem die Minderheit der Juden verfolgt. Daneben ging es auch gegen andere Minderheiten wie Homosexuelle, so genannte »Asoziale und Arbeitsscheue« sowie die im Untergrund aktiven Zeugen Jehovas.

Verhörmethoden der Gestapo

In den Jahren 1933 bis etwa 1945 wurden Vernehmungen von Inhaftierten durch die Gestapo im Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße durchgeführt.

Die Verhörmethoden waren äußerst brutal und es kam immer wieder zu schweren Misshandlungen.

Im Polizeigefängnis Klapperfeld wurden tags und nachts Verhöre durch die Gestapo durchgeführt. Diese nachfolgenden Methoden sind jedoch symptomatisch für die Gestapo reichsweit. Verhöre konnten in drei Stufen aufgeteilt werden:

  1. Beschimpfungen, Drohungen, Ohrfeigen, Fußtritte, schmerzhafte Fesselungen, Erpressungen durch das Nennen von Mitschuldigen
  2. Misshandlungen durch Gummischläuche, Würgen, das Aufhängen mit dem Kopf nach unten gefesselt, das Ausreißen von Haarbüscheln
  3. Folterwerkzeuge und die Erpressung durch das Vorführen von Familienangehörigen.

Entwicklung ab 1936

Am 17. Juni 1936 wurde Heinrich Himmler auf der Grundlage von Hitlers »Erlass des Führers und Reichskanzlers über die Einsetzung eines Chefs der deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren« zum Chef der gesamten deutschen Polizei ernannt.

Gestapo-Chef Heinrich Himmler

Heinrich Himmler © Bild: WDR

Damit waren die unterschiedlichen Polizeiverbände wie Schutzpolizei, Gendarmerie und Gemeindepolizei nicht mehr unter einer Aufsicht der Innenministerien der Länder, sondern die Polizei wurde zentralisiert. Offiziell war Himmler dem Innenminister Wilhelm Frick unterstellt, faktisch war er aber nun einer der mächtigsten Männer im Staat. Er strukturierte die Polizeiverwaltung grundlegend um. Am 20. August 1943 wurde er dann auch Reichsinnenminister. Himmler hatte die »Ordnungspolizei« und die »Sicherheitspolizei« separat untergliedert. Ihm wurde die Gestapo nun auch nominell unterstellt.

Zusammenschluss zum Reichssicherheitshauptamt 1939

Am 27. September 1939 erfolgte die nächste Änderung: Gestapo und Kriminalpolizei wurden als Teile der Sicherheitspolizei mit dem Sicherheitsdienst (SD) zum Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zusammengeschlossen. Die Gestapo firmierte nun als Abteilung IV des RSHA mit der Bezeichnung »Gegnerbekämpfung« und stand neben den Abteilungen für »Gegnerforschung«, »Deutsche Lebensgebiete« und dem ehemaligen Auslandsdienst, die alle aus dem SD hervorgegangen waren. Diese Position im Gefüge des NS-Staats sollte die Gestapo bis 1945 behalten. Die Gestapo war damit bis zu ihrer Auflösung nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht Teil eines Machtkonglomerats geworden, in dem die Unterscheidung zwischen eigentlicher Polizeibehörde und den zur SS, also einer politischen Organisation, gehörenden Organisationseinheiten kaum mehr möglich war.

Zentrale der Gestapo

Die Zentrale der Gestapo war das Geheime Staatspolizeiamt (Gestapa) bzw. ab 1939 das »Reichssicherheitshauptamt« in Berlin, dem die Staatspolizeistellen untergeordnet waren. Die Gründungsurkunde unterzeichnete zunächst gesetzeswidrig Adolf Hitler als Reichskanzler, strich dann aber seinen Namen durch und es unterzeichnete »für den Reichskanzler der Preußische Ministerpräsident Hermann Göring«.[3] Wörtlich hieß es in Paragraf eins:

Zur Wahrnehmung von Aufgaben der politischen Polizei neben den oder anstelle der ordentlichen Polizeibehörden wird das geheime Staatspolizeiamt mit dem Sitz in Berlin errichtet.

Die Struktur der Gestapo bestand im Jahre 1933 zunächst aus drei Dezernaten:

  • Abwehr,
  • Außendienst und
  • Sonderaufträge, Sofortsachen, Registratur und Kanzlei.

Ab 1937 bestand die Gestapo dann aus drei Abteilungen mit insgesamt 15 Referaten und 35 Sachgebieten. Die Aufgabenverteilung wurde ausdifferenziert. Zu den Abteilungen und Unterabteilungen gehörten u.a.: die Zentralbehörde, Schriftverkehr und Verwaltung, Personalangelegenheiten und Abteilungen, welche u.a. mit der Überwachung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden, politischen Gegner*innen, religiösen Institutionen, Sport-, Jugend- und Gesellschaftsvereinen, Homosexuellen, Emigrant*innen im Ausland, Sinti und Roma und der Überwachung der Wirtschaft beauftragt waren. Auch wurde unpolitische Kriminalität verfolgt sowie die öffentliche Meinung, Presse, Kunst, Kultur, Wissenschaft und Erziehung von der Gestapo durch einzelne Abteilungen überwacht.

Aufbau und Struktur von Gestapo, SS und Polizei

Aufbau und Struktur von Gestapo, SS und Polizei Gestapo Organigramm

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Kapitel 2:
Staatspolizeiliche Praxis und Gegnergruppen

Staatspolizeiliche Praxis und Gegnergruppen

In den Anfangsjahren baute die Gestapo eine intensive innenpolitische Berichterstattung auf. Die verschiedenen Staatspolizeistellen informierten die NS-Behörden ausführlich über die Zustimmung, die das Regime von Seiten der Bevölkerung erfuhr. Diese Tätigkeit wurde 1936 eingestellt und ein Jahr später dem SD übertragen. Grund war, dass den Gestapo-Berichten vorgeworfen wurde, dass sie eine brüchige Loyalität der Bevölkerung feststellten und damit möglicherweise Defätismus Vorschub leisteten. Grundlage hierfür war der Funktionstrennungserlass vom 1. Juli 1937, in dem Heydrich die unterschiedlichen Aufgabenbereiche von SD und Gestapo regelte: Die Gestapo war ausschließlich für die Beobachtung und Bekämpfung von Marxismus, Landesverrat und Emigration – und damit den handfesten politischen Widerstand – zuständig. Auf zahlreichen weiteren Gebieten teilten sich beide Geheimdienste die Beobachtung, die vom SD aber nur in Hinblick auf die Stimmungslage der Bevölkerung ausgewertet wurde. Informationen, die er über politische Gegner gewann, reichte er an die Gestapo weiter, die Verfolgungsmaßnahmen einleitete.

Bekämpfung der politischen und ideologischen Gegner
Ausschließliche Aufgabe ab 1936 war die Bekämpfung der politischen und ideologischen Gegner des NS-Regimes. Dabei verfügte sie über ein breites Instrumentarium, das bei verhältnismäßig harmlosen Geldstrafen und Wirtshausverboten anfing und in seriellen Exekutionen politischer Gegner des NS-Regimes während der letzten Kriegsjahre eine extreme Zuspitzung fand. Allen diesen Maßnahmen war gemeinsam, dass sie ohne Überprüfung durch Gerichte oder andere Verwaltungsbehörden angeordnet und durchgeführt wurden. Nur wenn die Gestapo es für zweckdienlich hielt, beispielsweise bei der Verfolgung prominenter Regimegegner, gab sie die Fälle an die ab 1933 nazifizierte Justiz ab.

Gängige Verhörmethoden

Gängige Verhörmethoden waren Erpressung, Schmeichelei, Konfrontation mit echtem oder gefälschtem Beweismaterial sowie mit echten oder gefälschten Aussagen der Mithäftlinge. Informationen wurden außerdem durch Foltern erzwungen und in den anschließenden Prozessen verwendet. Die Verhafteten wurden im Rahmen verschärfter Vernehmungen beschimpft, erniedrigt und bedroht oder mit Gummiknüppel, Ochsenziemer, Peitsche, Stock oder anderen Gegenständen geschlagen.

Wenn die Angeklagten dann vor dem Volksgerichtshof die Folter vorbrachten, wurde oft im gerichtlichen Urteil festgehalten, dass gemäß glaubwürdigen Aussagen der Gestapo-Beamten gegen keinen Häftling irgendwelche wie immer gearteten ungesetzlichen Zwangsmittel zur Erzielung von Aussagen angewendet wurden.

Verurteilte wurden teilweise selbst noch nach dem Volksgerichtshofprozess in Konzentrationslagern in Schutzhaft genommen und schwer gefoltert, um noch weitere Informationen zu bekommen. Die Gestapo bekämpfte auch kritische Meinungsäußerungen zum Regime, die durch das Heimtückegesetz für illegal erklärt worden waren. Dafür nutzte sie vorrangig Denunziationen.

Instrument zur Bekämpfung politischer Gegner

Wichtigstes Instrument der Gestapo zur Bekämpfung politischer Gegner des NS-Regimes war die so genannte Schutzhaft. Diese diente vor 1933 nur der kurzfristigen Verwahrung von Personen. Durch die Notverordnung nach dem Reichstagsbrand wurden Befristungen und die richterliche Überprüfung aufgehoben. Durch einen Erlass des Reichsministers des Innern vom 25. Januar 1938 durfte nur das Geheime Staatspolizeiamt in Berlin Schutzhaft anordnen. Diese wurde grundsätzlich in Konzentrationslagern vollstreckt. Nicht selten wurde die Gelegenheit genutzt, den politischen Gegner umzubringen. Dies gab der Gestapo ein Instrument in die Hand, unliebsame Justizurteile zu korrigieren. Hatten die Betroffenen eine von den Gerichten verhängte Strafe verbüßt, wurden sie aufgrund der gleichen Vorwürfe nach ihrer Freilassung in Schutzhaft genommen und in ein Konzentrationslager eingewiesen.

Die Bekämpfung von politischen Gegnern war ein Schwerpunkt der Arbeit der Gestapo. In den Anfangsjahren infiltrierte die Gestapo konspirative Gruppen, die sich aus den verbotenen politischen Parteien entwickelt hatten. Dabei wurden Mitglieder dieser Organisationen durch Drohungen, Gewaltanwendungen und materielle Vorteile zur Kooperation bewogen. Diese V-Leute sorgten dafür, dass ein organisierter Widerstand vor Kriegsbeginn zerschlagen wurde. Um politische Gegnergruppen in den späteren Jahren zu bekämpfen, wurden Sonderkommissionen eingesetzt, so zum Beispiel nach der Ermordung Heydrichs oder dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler.

Diskriminierung von sozial Schwachen als »Asoziale«

Sogenannte »Asoziale« wurden in den Anfangsjahren mit Schutzhaft drangsaliert, später bündelte die Gestapo diese Verfolgungsmaßnahmen. 1940 wurden sogenannte Arbeitserziehungslager (AEL) eingerichtet, in welche Menschen wegen »Nichterfüllung ihrer Arbeitspflicht« eingeliefert werden konnten.

Verfolgung von Homosexuellen

Die Maßnahmen gegen Homosexuelle verschärften sich im Laufe des Dritten Reichs massiv. Verließ sich die Gestapo anfangs noch auf Razzien in der Szene und gab die meisten Fälle an die Justiz weiter, setzte sie in späteren Jahren auf Denunziation und setzte eine rücksichtslose Inhaftierung in Konzentrationslagern durch.

Zynischerweise wurde den Beschuldigten die Wahl zwischen Kastration und weiterer Inhaftierung gelassen.

Überwachung von Kriegsgefangenen

Die zahllosen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter mussten überwacht werden, was ungefähr die Hälfte des Personals band. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen dabei Bummelei, Sabotage in den Betrieben und Arbeitsniederlegungen sowie unerlaubter Umgang mit Deutschen, beispielsweise Geschäfte auf dem Schwarzmarkt oder sexueller Verkehr. In der zweiten Kriegshälfte organisierte sich der Widerstand der Zwangsarbeiter*innen entweder konspirativ in den Betrieben oder, im Falle von entflohenen Zwangsarbeitern, in Form kleiner Gruppen, die sich in den Großstädten versteckten.

Die Gestapo griff daraufhin zu immer brutaleren Methoden, gerade osteuropäische und sowjetische Zwangsarbeiter wurden zahlreich und ohne Gerichtsverfahren exekutiert. Auch in den besetzten Ländern war die Gestapo tätig und bekämpfte die dortigen Widerstandsbewegungen. Die brutale Behandlung ganzer Bevölkerungskreise sollte eine direkte Fortsetzung in Deutschland finden, nachdem sich die Wehrmacht aus immer mehr Ländern hatte zurückziehen müssen. Während der letzten Kriegsmonate exekutierte die Gestapo vielerorts unterschiedslos ihre Gefangenen, bevor die Orte von alliierten Truppen eingenommen wurden.

Die Überwachung der Zwangsarbeiter*innen zählte besonders während des Zweiten Weltkriegs zu den Aufgaben der Gestapo. Misshandlungen, Erschießungen und Erhängung waren an der Tagesordnung. Die Einweisung in Konzentrationslager konnte ebenso durch die Gestapobeamten selbst angeordnet werden.

Funktionen bei der Verfolgung, Deportation und Ermordung von Juden

Zudem übernahm die Gestapo während des Zweiten Weltkriegs entscheidende Funktionen im Zusammenhang mit der Verfolgung, Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Während sich die Gestapo in der Frühphase der NS-Herrschaft bei der Judenverfolgung noch auf Einzelaktionen beschränkt hatte, nahm sie spätestens ab Kriegsbeginn eine führende Rolle im Täterkonglomerat ein. Wie auch andere Polizeiformationen wurden Gestapo-Männer zu den Einsatzgruppen abkommandiert, die hinter der Front summarische Exekutionen durchführten. Doch die wichtigere Rolle bei der Ermordung des europäischen Judentums spielte die Gestapo nicht in den neu eroberten Gebieten, sondern in Berlin, dem politischen Zentrum des Dritten Reichs.

Das berüchtigte Judenreferat unter Adolf Eichmann war eine Gestapo-Dienststelle (IV B 4) im RSHA, von wo aus die anti-jüdischen Maßnahmen koordiniert wurden. Die Deportation von Juden aus Deutschland wurde unter der Federführung der Gestapo als arbeitsteiliger und bürokratischer Prozess durchgeführt, in dem die Geheimpolizei eng mit der Reichsbahn zusammenarbeitete und sich der lokalen Polizeidienststellen bediente. Ihren Abschluss fand diese generalstabsmäßige Vernichtung in der Fabrikaktion, an deren Planung und Durchführung die Gestapo ebenso maßgeblich beteiligt war. Auch vorangegangene Diskriminierungsmaßnahmen wie zum Beispiel die Einweisung in Judenhäuser wurden von der Gestapo geplant und von den Stapoleitstellen implementiert.

Kennzeichnungen für KZ-Häftlinge

gemäß der vom NS-Staat definierten Gegnergruppen:

Tabelle der NS-Kennzeichen für Gegnergruppen

Für die Beachtung einheitlicher Normen dieser Kennzeichnungen wurden eigens in der Deutschen Industrienorm (DIN) neue Richtlinien aufgenommen. So auch beispielsweise für die »Judensterne« und die Kennzeichnung von Zwangsarbeiter*innen slawischer Herkunft.

Kapitel 3:
Elite – Mitarbeiter – Denunzianten der Gestapo

Die Führungselite der Gestapo

Die Führungselite der Geheimpolizei rekrutierte sich aus einem überwiegend bürgerlichen Hintergrund. Es handelte sich dabei um junge Karriereakademiker, die fast ausnahmslos Juristen und zu einem erheblichen Teil promoviert waren. Bis auf wenige Ausnahmen hatten alle Stapo-Stellenleiter ein Abitur.

Zu diesem hohen Bildungsstand kam nicht selten eine gewisse Distanz auch zu einzelnen Positionen des NS-Staates bzw. zu dessen Charakter als Massen- und Parteibewegung. Als Generation der »neuen Sachlichkeit«, die ihre politische Sozialisation in den instabilen 1920er-Jahren gewonnen hatte, waren ihre Mitglieder karrieregeleitet, oft völkisch orientiert, elitär und antirepublikanisch. Sie stellten die Effektivität und Effizienz des staatlichen Verwaltungshandelns und ein tatorientiertes Führerprinzip über eine Einhegung durch Grundrechte und rechtsstaatliche Prinzipien.

Entwicklung der Mitarbeiterzahl

Mit diversen organisatorischen Veränderungen und dem steigenden Aufgabenumfang einhergehend nahm die Mitarbeiterzahl der Gestapo ständig zu.

War das Geheime Staatspolizeiamt 1933 mit unter 50 Mitarbeitern eine Stabsorganisation zur Koordination der während der Konsolidierungsphase des Regimes durchgeführten Unterdrückungsmaßnahmen gegen politische Gegner, bot die Gestapo ab 1935 ein anderes Bild.

  • 1935: Mit ungefähr 200 Mitarbeitern bildeten das Staatspolizeiamt und die Leitstellen ihren reichsweit ausgebauten Überwachungs- und Verfolgungsapparat.
  • 1937 ist eine Gesamtstärke von 7.000 Bediensteten anzunehmen.
  • 1941 waren 14.835 Gestapoangehörige auf den Gehaltslisten verzeichnet, von denen jedoch rund 4.000 außerhalb des Reiches eingesetzt wurden. Mit Kriegsausbruch dehnte die Gestapo ihre Verfolgungsmaßnahmen nicht nur räumlich aus, sondern bekämpfte auch neue Gegnergruppen.
  • Unter den Gestapo-Beschäftigten waren in den 12 Jahren bis 1945 auch bis zu 10.000 Frauen. Diese waren nicht im Exekutivdienst tätig, sondern als Bürokräfte in der Verwaltung und nicht in Führungspositionen.
  • 1944/1945: Am Ende des Dritten Reichs waren nicht weniger als 31.000 Menschen beschäftigt. [—› Siehe auch auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung]

Einsatz von V-Leuten

V-Leute wurden von der Gestapo hauptsächlich in den gegenüber dem NS-Staat resistenten Gruppen wie der sozialdemokratisch oder kommunistisch geprägten Arbeiterschaft oder dem katholischen Milieu geworben.

Während des Kriegs rekrutierte die Gestapo V-Leute auch aus dem Kreis der Zwangsarbeiter, um diese Gruppe besser kontrollieren zu können. Als wichtigste Motive der V-Leute zur Mitarbeit sind Drohung mit Schutzhaft, materielle Vorteile und ideologische Überzeugung zu nennen.

Denunziationen aus der Bevölkerung

Als eine weitere Quelle erschloss sich die Gestapo Denunziationen, also Hinweise aus der Bevölkerung zu Verbrechen. Diese betrafen zumeist Handlungen und Äußerungen, die vom Regime kriminalisiert wurden. Beispielsweise wurden politische Bewertungen der Beschuldigten weitergetragen und bildeten die Grundlage für Ermittlungen, Schutzhaftverfahren und Prozesse. Dabei wandten sich die Denunzianten selten direkt an die Gestapo, vielmehr wurden die Anzeigen häufig von der Schutzpolizei oder von der Partei weitergegeben. Gerade die NS-Organisationen nutzten die ihnen zugetragenen Informationen auch nach eigenem Gutdünken und gaben diese erst anschließend an die Gestapo weiter.

Auch wenn keine Zahlen für das gesamte Reichsgebiet vorliegen, so zeigen zahlreiche Lokalstudien die überragende Bedeutung der Denunziationen für die Praxis der Gestapo. Nach Klaus-Michael Mallmann und Gerhard Paul stellte die breite Denunziationsbereitschaft der Bevölkerung »die zentrale Ermittlungsinstanz der Gestapo, die quantitativ wie qualitativ wichtigste Ressource staatspolizeilichen Wissens […] dar.«[1], [2] Laut Wikipedia bezeichnet Robert Gellately die Bevölkerung des NS-Staates, die mehrheitlich die Ziele Hitlers geteilt habe, daher als eine »selbstüberwachende Gesellschaft«.

Zwar gelang es der Gestapo, erhebliche Teile der Bevölkerung für das Regime in Dienst zu stellen, doch erwiesen sich Denunziationen in der Praxis als problematisch. Ähnlich wie bei der Rekrutierung von V-Leuten kann von einer erheblichen Bandbreite an Denunzianten, Beschuldigten und mutmaßlichen Motiven für Denunziationen ausgegangen werden.

Aus der Vielzahl von Einzelfällen hat die Geschichtsforschung ein häufig wiederkehrendes Muster herausgearbeitet: Denunziationen gingen zu einem erheblichen Teil von obrigkeitshörigen, wenig vermögenden, einkommens- und bildungsschwachen sozialen Kreisen aus und richteten sich überdurchschnittlich häufig gegen höhere soziale Schichten der Gesellschaft. Auch die Gestapo erkannte diese Instrumentalisierung der Denunziation zum Ausleben sozialer Konflikte, ohne dieser Schwierigkeit in der staatspolizeilichen Praxis begegnen zu wollen.

Quellen:
1) Mallmann, Klaus-Michael: »Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien«, WBG, Darmstadt, 2. Aufl. 2011 (Erstaufl. 2004)
2) Robert Gellately: »Hingeschaut und weggesehen: Hitler und sein Volk«, dtv Band 34153

Kapitel 4:
Die Frankfurter Geheime Staatspolizei

Der Wirkungsbereich der Frankfurter Gestapo

Zum Wirkungsbereich der Frankfurter Gestapo gehörten der Bezirk Fulda/Werra und Wiesbaden. Um die Überwachung der Gesellschaft innerhalb dieses Gebietes in die Tat umsetzen zu können, arbeitete die Gestapo mit Spitzeln und V-Leuten zusammen.

Damit die Spitzel und V-Leute Kontakt zur Gestapo aufnehmen konnten, befand sich im Hauptpostamt auf der Zeil ein geheimes Postfach. Dort konnte jede*r geheime Mitarbeiter*in monatlich seinen/ihren Bericht hinterlegen. Die große Zahl der in diesen Berichten erfolgten Denunziationen ermöglichte es der Gestapo, unzählige Menschen in Konzentrationslagern und »Arbeitserziehungslagern« zu inhaftieren oder sie gleich hinzurichten.

Verhöre und Inhaftierungen

Meist wurden die Häftlinge zu Verhören in die Lindenstraße gebracht. Inhaftiert wurden sie dann zunächst im Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße, in der Untersuchungshaftanstalt in der Hammelsgasse und in dem Strafgefängnis in Preungesheim. Da die Anzahl der zur Haft Verurteilten stetig stieg, wurden weitere Haftstätten geschaffen.

In Bockenheim wurde ab März 1942 ein sogenanntes Notgefängnis für mehr als 160 Gefangene eröffnet. Ein weiteres solches Gefängnis, in dem mehr als 300 Gefangene inhaftiert werden konnten, gab es seit November 1942 in der Gutleutstraße 13.

Gestapo AN Verhaftung Joseph O.

Aktenvermerk zu einer Verhaftung am 04.11.1940 in Frankfurt © Museum ehemaliges Polizeigefängnis Klapperfeldstraße in Frankfurt

Ausgeprägte Brutalität

In Bezug auf die Überwachung, Inhaftierung und Folterung bis hin zur Ermordung war die Frankfurter Gestapo für ihre besonders ausgeprägte Brutalität bekannt. Insbesondere bei der Deportation von rund 10.000 Frankfurter Jüdinnen und Juden, aber auch bei der Verfolgung von Antifaschisten*innen ging die Gestapo weit über die Weisungen der Gestapo-Zentrale in Berlin hinaus.

Personen, die Kontakt zu Kriegsgefangenen und verschleppten osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen hatten, wurden in sogenannte »Arbeitserziehungslager« eingewiesen. Dass Häftlinge dort ausgepeitscht und ermordet wurden, blieb keine Seltenheit. Als weiteres Beispiel für die Brutalität der Frankfurter Gestapo sei der Bau eines zerlegbaren und transportablen Galgens genannt, mit welchem sie, um effizienter töten zu können, ganz Hessen durchfuhr und Menschen auf brutalste Weise erhängte.

Dienststellen, Haftstätten und Lager der Frankfurter Gestapo

Um die Überwachung organisieren zu können, befanden sich im Jahre 1936 die Diensträume der Frankfurter Gestapo im allgemeinen Polizeigebäude. Im Zuge des organisatorischen und personellen Ausbaus bezog die Gestapo am 20. Juli 1936 eigene Diensträume im Gebäude in der Bürgerstraße 22 (heute: Wilhelm-Leuschner-Straße). Mit diesem Umzug und der Trennung der Diensträume der Gestapo und des allgemeinen Polizeiapparates wurde die Abspaltung der Gestapo von der Polizeibehörde in die Praxis umgesetzt.

Parallel zu dieser Entwicklung verlief der personelle und organisatorische Ausbau der Frankfurter Gestapo. Mitglieder, die nicht in vollen Zügen mit der NSDAP konform gingen, wurden entlassen und anstelle ihrer wurden Schutzstaffel (SS)- und Sturmabteilungs (SA)-Leute eingestellt. Ab dem 1. April 1941 befand sich die Frankfurter Gestapo-Zentrale in der Lindenstraße 27. Dort wurden rund 140 Bedienstete beschäftigt. Im dortigen Keller waren drei Haftzellen. Allerdings wurden die Häftlinge der Gestapo in der Regel nicht längere Zeit in diesem Gebäude festgehalten.

Arbeitserziehungslager in Heddernheim und andere

Im Jahre 1940 übernahm die Frankfurter Gestapo weitere Aufgaben innerhalb des NS-Herrschaftsapparates. Dazu zählte unter anderem die Eröffnung und Organisation des »Arbeitserziehungslagers« für männliche Häftlinge in Heddernheim, welches am 1. April 1942 eröffnet wurde. Hier wurden vorwiegend sogenannte ausländische Zivilarbeiter gefangen gehalten, denen »Arbeitsbummelei« und „Arbeitsverweigerung“ vorgeworfen wurde.

29.09.2017 WvS Ideenpräsentation Neugestaltung Ausstellung Zwangsarbeit

Ein Modell vom Arbeitserziehungslager Heddernheim, erstellt von Schülern der Werner-von-Siemens-Schule Wetzlar © Bild: Wetzlar erinnert e.V.

Ab 1943 wurde es auch als erweitertes Polizeigefängnis genutzt sowie als Durchgangslager für u.a. jüdische Häftlinge, die von dort deportiert wurden. Das Lager wurde damals auch als KZ Rhein-Main bezeichnet, da es als Hinrichtungsstätte der Gestapo bekannt war.

Frauen wurden anfangs im »Arbeitserziehungslager« Watenstedt bei Salzgitter inhaftiert. Am 1. August 1944 jedoch errichtete die Frankfurter Gestapo ein eigenes Lager in der Nähe von Hirzenhain im Vogelsberg, welches sogleich die Bezeichnung »Erweitertes Polizeigefängnis für Frauen« erhielt.

Kapitel 5:
Das Polizeigefängnis Klapperfeldstraße

Außenansicht Polizeigefängnis Klapperfeldstraße

Außenansicht vom ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeldstraße @ Bild: Wetzlar erinnert e.V.

Zur Vorgeschichte des Polizeigefängnisses

Der Ort, an dem heute das ehemalige Polizeigefängnis steht, war schon lange vor seinem Bau ein Ort der Überwachung und Ausgrenzung. Bereits 1492 wurde auf dem Klapperfeld ein Haus zur Unterbringung von Pestkranken gebaut, welches 1679 zu einem Armen-, Weisen- und Arbeitshaus umgebaut wurde.

Seit der Errichtung des Polizeigefängnisses im Jahr 1886 lassen sich viele verschiedene Nutzungsphasen feststellen. Zwischen 1933 und 1945 diente der Bau unter anderem der Frankfurter Gestapo zur Verfolgung all der Menschen, die nicht in das NS-Weltbild passten.

Mögliche Gründe für die Inhaftierung im Klapperfeld

Von den Nationalsozialisten*innen wurden unzählige Menschen aus unterschiedlichen Gründen verfolgt. Wer aus welchen Gründen wann im Klapperfeld »saß«, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, allerdings ist es in vielen Fällen sicher und in anderen sehr wahrscheinlich, dass hier im Nationalsozialismus Menschen u.a. aus folgenden Gründen inhaftiert waren:

  • Politische Verfolgung
    Sofort nach dem Machtantritt Hitlers im Januar 1933 machten sich die Nazis daran, ihre politischen Gegner auszuschalten (SPD, KPD, Gewerkschaften…). So wurde für politische Gefangene schon am 22. März 1933 das erste Konzentrationslager in Dachau errichtet. Allgemein nahm die Verfolgung aller Gegner*innen und Kritiker*innen der NS-Politik kontinuierlich zu.
  • Antisemitismus und Rassismus
    Auch die antisemitische und rassistische Verfolgung setzte sofort ein. Bereits im April 1933 organisierte das Regime mit der SA einen ersten Judenboykott, bei dem zahlreiche Geschäfte von jüdischen Inhaber*innen zerstört wurden. Nicht-jüdische Deutsche wurden dazu aufgefordert, nicht mehr bei Jüdinnen und Juden zu kaufen. Es folgten unzählige Gesetze und Verordnungen, die das Leben der Jüdinnen und Juden immer weiter erschwerten und in der systematischen Deportation und Vernichtung gipfelten.

Von der rassistischen Verfolgung waren auch die Sinti und Roma betroffen, die als »Zigeuner« diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden. Gleichermaßen entsprach es der zur Staatsdoktrin gewordenen Rassenideologie der Nazis, die slawische Bevölkerung Osteuropas als minderwertig zu betrachten, was insbesondere für die ideologische Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs von Bedeutung war. Viele Osteuropäer*innen wurden während des Kriegs zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.

  • Reinhaltung der »Volksgemeinschaft«
    Die Deutschen gehörten aus Sicht der Nazis zur germanischen »Herrenrasse«. Die nach diesem Ideal zu schaffende »Volksgemeinschaft« schloss all diejenigen aus, die ihren Normen nicht entsprachen. So wurden hunderttausende als behindert oder psychisch krank deklarierte Menschen systematisch ermordet oder zwangssterilisiert.
  • Soziale Ausgrenzung
    Auch wurden immer mehr Menschen als sogenannte »Asoziale« (Rechtssprache im NS) in Konzentrationslagern zur Zwangsarbeit gezwungen. Des Weiteren wurden auch Homosexuelle in Konzentrationslager verschleppt, weil sie nicht in das Bild der deutschen »Herrenrasse« passten.

Die »Judenabteilung«

Im obersten Stockwerk des Polizeigefängnisses befand sich die eigens eingerichtete sogenannte »Judenabteilung«, die sich durch besonders miserable Haftbedingungen auszeichnete und unmittelbar der Gestapo unterstand.

Die Inhaftierten wurden in einem großen Raum in Käfige gesperrt. Es war gerade mal so viel Platz, dass der Länge nach eine und der Breite nach zwei Pritschen hinein gepasst hätten. Sie waren durch Gittertüren verschlossen, so dass die jeweils gegenüberliegenden Verschläge gegenseitig einsehbar waren.
Die Eingesperrten blieben hier oft mehrere Monate ohne Beschäftigung und ohne die Möglichkeit sich zu bewegen.

Käfigzellen im Polizeigefängnis Klapperfeldstraße

Zelle mit Käfig @ Musum ehemaliges Polizeigefängnis Klapperfeld

Kurze Hofgänge bildeten die Ausnahme. Dabei hatten sie kaum Licht, denn die Fenster waren mit blauer Farbe verdunkelt. Herrschte Überfüllung, wurden zwei Personen in einen Käfig gesperrt.

Liquidierung von Mischehen

In der »Judenabteilung« waren vor allem Frauen aus sogenannten »Mischehen« inhaftiert. Jüdinnen und Juden, die in »Mischehen« lebten, wurden von den Nazis zunächst verschont, nicht zuletzt, weil sie mit Widerstand der Familien zu rechnen hatten.

Ab dem Frühjahr 1943 wurde auch von der Frankfurter Gestapo mit deren systematischer Verfolgung begonnen. Heinrich Baab, der in den Jahren 1942/43 Leiter des sogenannten Judenreferats der Frankfurter Gestapo war, brüstete sich damit, mindestens 387 Frauen aus »Mischehen« liquidiert zu haben.

Von diesen mussten viele monatelang in den Drahtkäfigen ausharren und wurden dann vom Frankfurter Hauptbahnhof in Sonderabteilen gewöhnlicher Züge meist nach Auschwitz deportiert. Die Angehörigen erhielten vielfach schon 14 Tage später die Nachricht von ihrem Tod.

Zustände im Klapperfeld

Das Polizeigefängnis Klapperfeld galt sowohl denjenigen, die es nicht von innen gesehen hatten, als auch jenen, die es aus dieser Perspektive kennen lernen mussten, als besonders unangenehmer Haftort. Insbesondere für die Jahre 1942 bis 1945 weisen diverse Quellen auf besonders dramatische Zustände hin. Das Gefängnis war offenbar ständig überfüllt, was unter anderem auch darauf zurückzuführen ist, dass Häftlinge aus anderen Städten für einige Zeit dort untergebracht wurden, ehe sie weiter transportiert wurden.

Spion in Zellentür

Blick durch einen Zellentürspion in eine Einzelzelle © Museum ehemaliges Polizeigefängnis Klapperfeldstraße in Frankfurt

Ein Gefängnisarzt beschreibt die Situation in einem Bericht vom Januar 1944 als so dramatisch, dass er selbst die kurzzeitige Begehung als eine Zumutung empfindet und schließlich droht, seiner Beschäftigung dort nicht mehr nachzugehen, wenn keine Änderung eintritt.

Die Zellen waren hoffnungslos überfüllt, aus den Kübeln, die es anstelle von Toiletten gab, zog ein unerträglicher Gestank durch das ganze Haus, das Ungeziefer tummelte sich und viele der Häftlinge trugen nichts als Lumpen.

Alltag, Dauer der Haft, Umgang mit Gefangenen

So waren die Dauer der Haft und der Umgang mit den Gefangenen insbesondere vom Haftgrund abhängig. Während einige Häftlinge »nur« die unangenehme Erfahrung von Haft und Isolation machten, wurden andere nachts zu Verhören geholt und auch gefoltert.

Während einige danach noch über ihre Erfahrungen in der Haft berichten konnten, wurde viele andere vom Klapperfeld aus deportiert und wir wissen nicht, welche Erlebnisse sie hier gemacht haben. Das gilt auch für diejenigen, die noch im Gefängnis ums Leben kamen.

Die nachfolgenden Erinnerungen von Elsie Kühn-Leitz aus Wetzlar schildern den Alltag.

Kapitel 6:
Dr. Elsie Kühn-Leitz als Zeitzeugin

Dr. Elsie Kühn-Leitz

Dr. Elsie Kühn-Leitz war von der »Deutschen Arbeitsfront« im Unternehmen ihres Vaters (Dr. Ernst Leitz II), der Ernst Leitz GmbH in Wetzlar, als Unterlagerführerin eingesetzt. Die Firma ist auch heute noch international bekannt für ihre Leica-Kameras, Mikroskope und Präzisionsmessgeräte. In ihrer Funktion als Unterlagerführerin war Elsie Kühn-Leitz für ein seit 1942 zum Unternehmen gehörendes Lager zuständig, in dem Osteuropäer*innen untergebracht waren, die Zwangsarbeit verrichten mussten. Die Ernst Leitz GmbH stellte in Form hochwertiger optischer Geräte kriegswichtiges Material her.

Dem Nazi-Regime war es ein Dorn im Auge zu sehen, wie sehr sich Elsie Kühn-Leitz für die Verbesserung der Lebensbedingungen im Lager einsetzte; für die Verbesserung der Hygienebedingungen und Ernährung, ebenso wie z.B. die Einrichtung eines Kaufladens, einer Schusterwerkstatt oder die Zurverfügungstellung von Radios. Immer wieder brachte sie Spielsachen, Bücher oder auch mal Blumen mit oder begleitete eine Theateraufführung. Zu ihrer Verhaftung kam es nach der Denunziation ihrer Unterstützung für den letztlich gescheiterten Fluchtversuch der Jüdin Hedwig Palm, die zusammen mit ihrem (nicht-jüdischen) Ehemann ein Optik- und Fotogeschäft in Wetzlar führte.

Verhör und Verhaftung in Wetzlar

Am 10. September 1943 wurde Elsie Kühn-Leitz (zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt) zusammen mit ihrem Vater Ernst Leitz II zum Verhör in die Wetzlarer Gastapo-Außenstelle im Aldefeldschen Haus geladen. Nach zweistündigem Warten, währenddessen zunächst ihr Vater vernommen wurde, verhörten zwei junge Gestapo-Beamte sie selbst stundenlang. Sie wurde angeklagt, »eine der größten Todsünden gegen das Dritte Reich« begangen zu haben, indem sie eine Jüdin, eine »Erzfeindin des Führers und des Dritten Reiches« unterstützt habe.

»Ich erwiderte zum Schluss nur, dass ich mich vielleicht gegen ein von Menschen aufgestelltes Gesetz vergangen hätte, aber niemals gegen das göttliche Gesetz, denn vor Gott sind alle Menschen gleich, ob Juden, Christen oder Heiden, und das Gesetz der Menschlichkeit habe mich zu diesem Tun veranlasst, ich hätte also nichts zu bereuen. Da erklärte mir Herr G., ich sei mir wohl darüber klar, daß ich von diesem Moment an kein freier Mensch mehr sei, sondern verhaftet wäre und sofort nach Frankfurt ins Gefängnis käme …«

Man beschuldigte sie der »übertriebenen Humanität«

Ihre Festnahme erfolgte unter dem Tatvorwurf der »übertriebenen Humanität« gegenüber den ihr unterstellten Ostarbeiterinnen und der Beihilfe zur Flucht einer Jüdin über die Grenze. Nachdem sie in Gestapo-Begleitung ihre notwendigsten Habseligkeiten von zu Hause holen und sich von ihren Kindern und ihrem Vater verabschieden konnte, schlossen sich gegen 21 Uhr abends die Türen des Frankfurter Polizeigefängnisses in der Klapperfeldstrasse 5 hinter ihr. Sie war auf unbestimmte Zeit inhaftiert.

Elsie Kühn-Leitz erging es dabei noch vergleichsweise gut, was sie in Bezug auf die Gestapo-Verhöre auch selbst berichtete. Die gesonderte Behandlung führt sie darauf zurück, dass sie ein Mitglied der Leitz-Familie war, hinter der eine Weltfirma gestanden habe. Außerdem verfügte die Familie Leitz über Kontakte zu Personen, die sich für die Gefangene einsetzten, wie etwa Direktor Willy Hof, der als Wegbereiter und Initiator der Reichsautobahn gilt. Durch ihn und Bestechungsgelder ihres Vaters erhielt sie im Polizeigefängnis eine bevorzugte Behandlung. So war sie beispielsweise in einer Einzelzelle untergebracht, erhielt Zugang zu Büchern, konnte tagsüber in der Nähstube arbeiten und durfte ab dem 16. Oktober 1943 bei Bombenangriffen in den Keller.

Kapitel 7:
Schilderungen von Elsie Kühn-Leitz

Polizeigefängnis Klapperfeldstraße Gefängnishof

Gefängnishof der Klapperfeldstraße © Bild: Museum Polizeigefängnis Klapperfeldstraße, Frankfurt

Elsie Kühn-Leitz über ihre Haft im Klapperfeld

Elsie Kühn-Leitz hat ihre Erlebnisse im Januar 1947 aufgeschrieben; sie beschreibt ausführlich die Haftbedingungen im Klapperfeld – sowohl ihre als auch die anderer. Auch wenn sie aus ihrer Perspektive schreibt, lässt sich zumindest erahnen, was die Haft für die anderen Häftlinge bedeutet haben muss.

Situation, Tagesablauf und Haftbedingungen in der Frauenabteilung 1943

  • Aufnahme
    In der Aufnahme wurden alle Sachen, die sie bei sich trug, registriert. Nur das Waschzeug und die Decke durfte sie behalten, wobei zerbrechliche und spitze Gegenstände abgegeben werden mussten. Daraufhin wurde sie in die Frauenabteilung gebracht, wo sie sich nackt ausziehen musste und von Kopf bis Fuß untersucht wurde. Im Anschluss brachte eine ihr wohl gesonnene Wärterin sie in die beste zur Verfügung stehende Einzelzelle, die nach hinten zum kleineren der Höfe lag.
  • Meine Zelle
    »Meine Zelle war 1,65 x 3,00 m groß. Es war darin ein Klappbett mit einem Holzwollsack, in dem, wie sich später herausstellte, viele Wanzen und Läuse waren, die besonders bei Nacht eine rege Tätigkeit entfalteten. Auf dem Bett lag eine schmutzige graue Wolldecke. Ein sogenannter Kübel zur Erledigung der Notdurft stand in einer Ecke. Ferner war in der Zelle ein kleiner Holzhocker, ein ganz kleiner aufklappbarer Tisch und ein kleines Regal zum Ablegen der Waschsachen sowie Waschschüssel und ein Metallbecher zum Trinken.«
  • Der Tag begann in der Frühe um 4 Uhr
    Um diese Uhrzeit standen die Dienst habenden Wachtmeisterinnen auf und weckten das Küchenpersonal, die sogenannten Kalfaktoren – Häftlinge, die entsprechende Tätigkeiten verrichten mussten, was ihnen auch die Möglichkeit bot, sich etwas von den Lebensmitteln zu organisieren.
  • Wecken und Kübel leeren
    Gegen 5 Uhr morgens wurden dann alle Gefangenen geweckt. Die Dienst habende Wachtmeisterin ging herum und schloss jede Zelle auf. Dann mussten die Insassinnen ihren Kübel nehmen, um ihn im Kübelraum zu leeren und zu säubern. Auch wenn in diesem Raum ein unerträglicher Gestank herrschte und das Sprechen mit den anderen Gefangenen grundsätzlich verboten war, wurde dieser Zeitpunkt oft für den Tausch von Essen und ein paar aufmunternde Worte genutzt. Nach dem sogenannten »Kübeln«, ging es zum Wasserholen, um sich im Anschluss zu waschen und die Zelle zu putzen. In den meisten Fällen beschränkte sich das Putzen darauf, die Holzwolle zurück in den Sack zu stopfen. Die Betten mussten nach dem Aufstehen an die Wand hochgeklappt werden und durften erst abends wieder heruntergelassen werden. Tagsüber war das Hinlegen streng verboten.
  • Frühstück
    Gegen 6 Uhr wurden die Zellen wieder aufgeschlossen und alle Insassinnen mussten in Reih und Glied antreten, um ein trockenes Stück Brot und dünnen Kaffee in Empfang zu nehmen.
  • Jeden Morgen
    Nach dem Waschen und »Kübeln« wurden von den Wachtmeisterinnen all diejenigen mit Namen ausgerufen, die noch an diesem Tag zur Gestapo oder in das Polizeipräsidium mussten. Die Ausgerufenen wurden im Gemeinschaftsraum zusammengepfercht und dann nach und nach mit dem Gefangenentransporter, der »grünen Minna«, ausgefahren.
  • Hofgang
    Zwischen 10 und 11 Uhr stand der vorgeschriebene Hofgang auf der Tagesordnung. Die Inhaftierten wurden für 20 Minuten in den Innenhof geführt. Der Hofgang der Männer fand meist zwischen 5 und 7 Uhr statt und war durch gleichmäßige Exerzierschritte hörbar. Wenn die Wärter*innen keine Zeit oder keine Lust hatten oder schlechtes Wetter war, fiel der Hofgang aus. Auch beim Hofgang war das Sprechen streng verboten.
  • Über den Tag hinweg
    Es war strengstens untersagt sich auf das Bett zu setzen oder sich hinzulegen. Jede Zelle war mit einem Guckloch ausgestattet, durch das die Wärterinnen das Geschehen in der Zelle jederzeit kontrollieren konnten. Alle zwei Wochen durfte man einen Brief nach Hause schreiben und sich mit der Erlaubnis der Gestapo zusätzliche Lebensmittel bringen lassen. Bücher waren ebenfalls nur mit einer Genehmigung zu bekommen, die Elsie Kühn-Leitz nach einiger Zeit erhielt.
  • Essen
    »Es war fast jeden Tag dieselbe dünne Wassersuppe mit ein paar Kartoffeln, Weißkraut, selten Wirsing, gelegentlich Rotkraut und öfters Kohlrabistückchen. Zweimal in der Woche schwammen auch fein gemahlene Fleischstückchen darin herum.«
  • Abend
    Um 17 Uhr wurde die letzte Mahlzeit verteilt. Sie bestand meist aus Malzkaffee und trockenem Brot – zweimal pro Woche gab es Weißkäse dazu und das Brot wurde durch Nudeln oder Brei ersetzt.
  • Nähstube
    Nach etwa acht Wochen wurde es Elsie Kühn-Leitz durch die Fürsprache von Willy Hof erlaubt, von 7.00 Uhr morgens bis um 18.00 Uhr abends in der Nähstube zu arbeiten. Die Nähstube befand sich in den oberen Stockwerken in einem größeren Raum zum Hof hin. Die hier eingesperrten Frauen mussten beispielsweise Bettzeug oder Gefängniskleidung flicken. Außerdem mussten Puppen und Stofftiere für das sogenannte »Winterhilfswerk des Deutschen Volkes« gebastelt werden. Obwohl dies eine Form von Zwangsarbeit darstellt, war diese Tätigkeit Elsie Kühn-Leitz willkommen, um der Enge und Einsamkeit der Zelle zu entkommen.
  • Bombardierung
    Während der Bombardierung war es im Gefängnis besonders schrecklich, denn die Häftlinge mussten eingesperrt in ihre Zellen miterleben, wie um sie herum Bomben einschlugen. Elsie Kühn-Leitz erlebte die Bombennacht vom 4. Oktober 1943 wie folgt:

»In dieser schrecklichen Nacht stand ich an die innere Zellentür gelehnt und betete ununterbrochen, gottergeben und mich ganz allein, als sein Geschöpf fühlend: Herr, Dein Wille geschehe! Und in diesem Gefühl war ich nicht ängstlich, nicht erschüttert, nicht traurig, sondern zuversichtlich und still. – Nachher konnte man kaum mehr atmen, die Bomben, die ringsumher gefallen waren, hatten sämtliche Fenster zerschlagen, die Rauchschwaden und der Qualm des Feuers von allen benachbarten Häusern schlugen in die Gefängniszellen herein.«

  • Nach diesem Erlebnis wurde es ihr als ausgebildeter Sanitätshelferin, erneut mit Hilfe von Herrn Hof, ermöglicht, während der Bombardierungen in den Luftschutzkeller gebracht zu werden.
  • Zu Bombeneinschlägen im Klapperfeld kam es laut Elsie Kühn-Leitz erst nach ihrer Entlassung, Ende November 1943. Im Männertrakt starben dabei mehrere Gefangene und auch Wachtmeister.

Quelle: Elsie Kühn-Leitz: »Mut zur Menschlichkeit. Vom Wirken einer Frau in ihrer Zeit. Dokumente, Briefe und Berichte«, herausgegeben von Klaus Otto Nass, Bonn 1994.

Einzelzelle Gefängnis Klapperfeldstraße

Eine der Einzelzellen im Polizeigefängnis Klapperfeldstraße © Bild: Museum Polizeigefängnis Klapperfeldstraße, Frankfurt am Main

Kapitel 8:
Elsie Kühn-Leitz überlebt

Ihr Vater Ernst Leitz II Interveniert

Am 28. November 1943 wurde Elsie Kühn-Leitz dank der Intervention ihres Vaters, die »Tausende und Tausende Bestechungsgelder gekostet hatte« und der Hilfe von Willy Hof aus der Haft entlassen. Ihr wurde allerdings untersagt, sich weiter um die Zwangsarbeiter*innen im Lager zu kümmern.

Die Inhaftierung hatte ihr gesundheitlich sehr zugesetzt. Sie berichtet:

»An den Folgen der Haft hatte ich allerdings noch lange zu tragen. Eine Woche darauf kam ich nach Mannheim in die Klinik, weil ich einen Blutsturz hatte, und mein Kopf war von Läusen und Wanzen derartig mitgenommen, daß ich später in Garmisch verschiedentlich geschnitten wurde und fast mein ganzes Haar verlor, das erst später wieder wuchs.«

Genauso habe die Verhaftung auch ihrem Vater viel Nervenkraft gekostet und sehr an seiner Gesundheit gezehrt. Auch nach der Entlassung verhörte sie die GESTAPO immer wieder, oft mit unangekündigten Besuchen.

»Der seelische Alpdruck wich erst von mir, als die Stunde der Befreiung schlug und am 29. März 1945 die amerikanischen Streitkräfte Wetzlar kampflos besetzten, wozu auch ich meinen Teil beigetragen habe.«

Elsie Kühn-Leitz war in der Tat den amerikanischen Truppen auf ihrem Fahrrad mit einer weißen Flagge entgegengefahren.

Die Erfahrung der Inhaftierung hat Elsie Kühn-Leitz für den Rest ihres Lebens geprägt
u
nd sie in ihrem Engagement für Humanität, Völkerverständigung und Kultur weiter bestärkt.

Elsie Kühn-Leitz hat nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich das Wetzlarer Kulturleben wiederaufgebaut und sich – bestärkt durch Bundeskanzler Adenauer – für die Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich eingesetzt. Durch ihren Einsatz entstand eine der ersten deutsch-französischen Städtepartnerschaften, zwischen Wetzlar und Avignon; sie initiierte in Wetzlar die Gründung des Arbeitskreises Deutsch-Französischer Gesellschaften (heute: Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa) und setzte sich immer wieder für notleidende Menschen, auch aus Afrika, ein. Zahlreiche Ehrungen wurden ihr zuteil, darunter die Ehrenbürgerschaft von Wetzlar und Avignon. Beide Städte erinnern an sie auch mit einer nach ihr benannten Straße.

Kapitel 9:
Quellen
angaben und Literaturhinweise

Angaben zu den Quellen dieses Textes

Der auf dieser Seite erstellte Text ist eine Zusammenstellung, der Hintergrundinformationen zur Gestapo im allgemeinen und der Ereignisse in Wetzlar widerspiegelt. Insbesondere wurden die regionale Örtlichkeit in Wetzlar (Gestapoverhörstelle im Aldefeldschen Haus) und übergeordnet Frankfurt (Polizeigefängnis Klapperfeldstraße) berücksichtigt, wo die während der Verhöre in Wetzlar verhafteten Menschen gefangen gehalten wurden, bevor sie in der Regel durch die Gestapo in Konzentrationslager oder »Arbeitserziehungslager« überführt wurden.

  1. Informationen zur Gestapo auf Wikipedia
  2. Informationen zur Gestapo aus dem Aufsatz über das »zweite Gestapo-Gesetz« auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung
  3. Informationen auf der Website zum ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld (Frankfurt am Main)
  4. Erinnerungen von Elsie Kühn-Leitz: »Mut zur Menschlichkeit. Vom Wirken einer Frau in ihrer Zeit. Dokumente, Briefe und Berichte«, herausgegeben von Klaus Otto Nass, Bonn 1994.

Literaturhinweise:

  • Klaus Otto Nass [Hrsg.]: »Elsie Kühn-Leitz: Mut zur Menschlichkeit – Vom Wirken einer Frau in ihrer Zeit«, mit einem Geleitwort von Bernhard Vogel, Bonn, 1994.
  • Bernd Lindenthal: »Sich dem Bösen nicht beugen – 1943 Familie Leitz half einer Jüdin« in Wetzlarer Neue Zeitung, 26.05.2018
    Siehe auch Download-Angebot auf dieser Seite
  • Frank Dabba Smith: »Elsie’s War: A Story of Courage in Nazi Germany«, London, 2005.
  • Knut Kühn-Leitz [Hrsg.]: »In memoriam Dr. Elsie Kühn-Leitz«, Wetzlar, 2015.
  • Irene Jung (2009) in Frauenbüro der Stadt Wetzlar [Hrsg.] (2009): »Wetzlarer Frauen im 20. Jahrhundert«, Wetzlar, S. 37–42.
  • Johannes Tuchel, Reinold Schattenfroh: »Zentrale des Terrors. Prinz-Albrecht-Str. 8. Das Hauptquartier der Gestapo«. Berlin, 1987.
  • Ulrich Herbert: »Von der Gegnerbekämpfung zur ›rassischen Generalprävention‹ – Schutzhaft und Konzentrationslager in der Konzeption der Gestapo-Führung 1933-1939,
    in: ders./Karin Orth/Christoph Dieckmann (Hg.) »Die nationalsozialistischen Konzentrationslager, Entwicklung und Struktur«, Bd. I, Göttingen 1998.
  • Carsten Dams, Michael Stolle: »Die Gestapo«, München, 16. Aufl. 2017.
  • Egon Kogon: »Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager«, Verlag Karl Alber, München, 1946.
Tafel 8: Ansicht der Gedenktafel zur Gestapo im Aldefeldschen Haus
Tafelenthüllung wegen Corona-Pandemie verschoben
Ausstellung zum ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld
Artikel von B. Lindenthal über Elsie-Kühn-Leitz als PDF

Die Tafelstifter:

Wetzlarer Wohnungsgesellschaft mbH

Warum wir die Gedenktafel zu den Ereignissen der NS-Zeit in Wetzlar unterstützen Statement von Harald Seipp Das Statement liegt noch nicht vor. Wir bitten um ein wenig Geduld. Harald Seipp Geschäftsführer Wetzlarer Wohnungsgesellschaft mbH Homepage der Wetzlarer Wohnungsgesellschaft (WWG) Tafelstifter für die Gedenktafel: Tafel 8: Gestapo-Verhörstelle im Aldefeldschen Haus Hintergrund-Informationsseite: Informationen zur Tafel »Gestapo-Verhörstelle«

Ernst Leitz Stiftung

Warum wir die Gedenktafel zu den Ereignissen der NS-Zeit in Wetzlar unterstützen Statement von Dr. Oliver Nass Die 2011 von Elsie Kühn-Leitz' Kindern, Knut Kühn-Leitz und Cornelia Kühn-Leitz (verh. Nass), gegründete gemeinnützige Ernst Leitz Stiftung hat den Erhalt des von Ernst Leitz II gebauten und von Bruno Paul gestalteten Haus Friedwart in Wetzlar sowie die Förderung von Kultur und Völkerverständigung im Andenken an Ernst Leitz I, Ernst Leitz II und Elsie Kühn-Leitz zum Auftrag. [...]

Magistrat der Stadt Wetzlar

Warum wir die Gedenktafel zu Ereignissen der NS-Zeit in Wetzlar unterstützen Ein Statement von Oberbürgermeister Manfred Wagner »Zukunft braucht Erinnerung« Dieses Wort will ich meinem Statement voranstellen und gerne beschreiben, warum es der Stadt Wetzlar wichtig ist, das vom dem Verein WETZLAR ERINNERT e.V. angestoßene Projekt »Gedenktafeln zu Ereignissen der NS-Zeit« zu unterstützen. In unseren Tagen erleben wir leider immer wieder, dass der Geist derer, die uns die dunkelsten Stunden in der Geschichte unseres [...]

Von |02.05.2018|Kategorien: Gedenktafelstifter, Sponsoren, Stadt Wetzlar|Schlagwörter: , , , |Kommentare deaktiviert für Magistrat der Stadt Wetzlar

WETZLAR ERINNERT e.V.

Warum haben wir das Projekt Gedenktafeln zu Ereignissen der NS-Zeit initiiert? Ein gemeinsames Statement unseres Vorstandes In der Satzung von WETZLAR ERINNERT e.V. steht: »Damit sich deutscher Faschismus nicht wiederholt, ist es erforderlich, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und Wege zu eröffnen, die auch denen Zugang ermöglichen, die diese Zeit nicht selbst erlebt haben. Es gilt, kenntlich zu machen, wie es dazu kommen konnte, dass in einem Land mit großer humanistischer Tradition die Saat [...]

Von |02.05.2018|Kategorien: Gedenktafelstifter, Wetzlar erinnert|Schlagwörter: , , , |Kommentare deaktiviert für WETZLAR ERINNERT e.V.

Demokratie leben

Förderung unserer Homepages Förderung von Projekten unsereres Vereins Der Verein WETZLAR ERINNERT e.V. hat schon mehrere seiner Erinnerungs- und Gedenkprojekte zur NS-Zeit mit Hilfe der Programme »Demokratie leben!« und dem Vorläufer-Programm »Toleranz fördern – Kompetenz stärken« durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert bekommen. Die Entscheidung über die Förderung fällt innerhalb der lokalen Partnerschaft für Demokratie Wetzlar | Lahn-Dill-Kreis ein Begleitausschuss. Hierzu zählen unter anderem die Projekte: der Weg der Erinnerung [...]

Von |01.09.2012|Kategorien: Demokratie leben, Gedenktafelstifter, Sponsoren|Schlagwörter: , , , |Kommentare deaktiviert für Demokratie leben
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