WETZLAR ERINNERT e.V.

Unternehmen »Barbarossa«

Gedenken und Erforschung von Schicksalen im Zweiten Weltkrieg
Mahnung für Frieden und Völkerverständigung

Am 22. Juni 2021 jährte sich zum 80sten Mal der Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. In einer Gedenkstunde gedachten rund 150 Menschen in Wetzlar diesem Ereignis und mahnten für Frieden in Europa. Hierzu aufgerufen hatten der Evangelische Kirchenkreis an Lahn und Dill sowie WETZLAR ERINNERT e.V. »Ein ›Pilgerweg des Gerechten Friedens‹ durch Gassen und Gärten des alten Arbeiterviertels in Niedergirmes; sehr persönlich gehaltene Reden der Erinnerung und Mahnung; ein Kranz der Stadt Wetzlar an einem Gedenkstein auf dem Friedhof aufgestellt; Schüler*innen der Bebelschule, die Einblick in Leben und Sterben der Zwangsarbeiter in Wetzlar gaben; meditative Cello-Musik; der Segen eines russisch-orthodoxen Priesters – ein würdiges und facettenreiches Gedenken war es, das am Abend des 22. Juni bei den Teilnehmenden viele eindrückliche Impulse setzte«, schreibt hierzu Pfarrerin Uta vom Presse- und Öffentlichkeitsreferat des Evangelischen Kirchenkreises. Dem können wir uns nur anschließen und erlauben uns, Frau Barnikol-Lübecks Beitrag auch hier zu veröffentlichen:

Sehnsucht nach Frieden
Gedenken an 80 Jahre Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion:

Von Pastorin Uta Barnikol-Lübeck

Ein »Pilgerweg des Gerechten Friedens« durch Gassen und Gärten des alten Arbeiterviertels in Niedergirmes; sehr persönlich gehaltene Reden der Erinnerung und Mahnung; ein Kranz der Stadt Wetzlar an einem Gedenkstein auf dem Friedhof aufgestellt; Schüler der Bebelschule, die Einblick in Leben und Sterben der Zwangsarbeiter in Wetzlar gaben; meditative Cello-Musik; der Segen eines russisch-orthodoxen Priesters – ein würdiges und facettenreiches Gedenken war es, das am Abend des 22. Juni bei den Teilnehmenden viele eindrückliche Impulse setzte.

Den Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion vor genau 80 Jahren hatten der Evangelische Kirchenkreis an Lahn und Dill mit dem Arbeitskreis Frieden und dem Osteuropa Ausschuss sowie der Verein WETZLAR ERINNERT zum Anlass dieser mit viel Einsatz vorbereiteten Gedenkveranstaltung genommen.

»Ich habe von meinem Großvater die Sehnsucht nach Frieden geerbt und die Einstellung, jeden Menschen so anzusehen, als wäre Christus gerade für ihn gestorben«, betonte Superintendent Dr. Hartmut Sitzler auf dem Friedhof Niedergirmes am Gräberfeld für Menschen, die in Wetzlar Zwangsarbeit leisten mussten. Der leitende Theologe des Kirchenkreises an Lahn und Dill erzählte von einer Kiste mit »Feldpostbriefen voller Liebe, Trost und Hoffnungen«, die er als Enkel von dem 1944 auf der Krim gefallenen Pfarrer der Bekennenden Kirche geerbt hatte. Nicht um Zahlen ginge es in Kriegen, sondern um Menschen. Das Glück der Zwangsarbeiter in dem vor ihnen liegenden Gräberfeld sei viel zu früh abgeschnitten worden. »Möchte doch der Tag kommen, an dem die Völker ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und die Menschen nicht mehr lernen, Krieg zu führen, wie der Prophet Micha schreibt«, schloss er seine Ansprache (Micha 4, 3).

Schülerinnen und Schüler einer 9. Klasse der Augst-Bebel-Schule gaben mit ihrer Lehrerin Agnes Adamietz einen Einblick in den Alltag der Zwangsarbeitenden. Im Religionsunterricht hatten sie zuvor das Thema „Leben und Tod“ bearbeitet und sich dabei intensiv mit dem Gräberfeld der Zwangsarbeiter und der Frage beschäftigt, wie traurig es für einen Menschen sein muss, einsam in einem fremden Land zu sterben.

»Mit Ihrem Gedenken setzen Sie ein starkes Zeichen«, so Oberbürgermeister Manfred Wagner vor dem Kranz der Stadt Wetzlar stehend zu den Anwesenden. Deutschland habe unermessliches Leid über die Menschen in Belarus, in der Ukraine und in Russland gebracht, zeichnete er die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, der Opfer und der im Altkreis Wetzlar lebenden Zwangsarbeiter nach. Dabei wies er auf die 276 ausländischen Menschen im Gräberfeld des Friedhofs hin. Wagner rief dazu auf, an der Zukunft zu arbeiten, »damit diese Gräueltaten nicht vergessen werden und wir die Zukunft gemeinsam gestalten können.«

Ökumenische Verbundenheit im Gedenken wurde deutlich durch die Beteiligung der katholischen Kirche (Wetzlar) mit Bezirksdekan Pfarrer Peter Hofacker (Gebet) und der Russisch-Orthodoxen Gemeinde Gießen mit Mönchspriester Kornelius Heinrich (Segen). Die Moderation auf dem Friedhof hatte die evangelische Pfarrerin Ellen Wehrenbrecht übernommen. Musikalisch gestaltete Maria Monninger (Cello) das Gedenken.

Begonnen hatte die Veranstaltung an den Gedenktafeln zum Zwangsarbeiterlager der Buderusschen Eisenwerke beim Möbelhaus IKEA.

Nach dem Krieg sei anfangs noch der Zusammenhang zwischen kapitalistischer Profitgier und Kriegsgefahr bewusst gewesen, erklärte Klaus Petri, der für den Verein WETZLAR ERINNERT zum Thema »Kriegsökonomie im Nationalsozialismus« sprach. Doch schon bald sei es wieder zur Aufrüstung gekommen. Petri stellte das Schicksal des Buderusarbeiters Erich Deibel dar, der wegen angeblicher »Vorbereitung zum Hochverrat« verurteilt und umgebracht wurde. Die kirchliche Partnerschaft mit Tambow, die Hilfsaktionen für die Kinder von Tschernobyl sowie die Aktivitäten der Deutsch-Weißrussischen Gesellschaft bezeichnete er als segensreiche Initiativen, die den Kulturaustausch sowie die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn voranbrächten.

Die Kaufmännische Mitarbeiterin bei Leica Yuliya Vasiuchenka, in Vitebsk in Belarus geboren und Mitglied der Deutsch-Weißrussischen Gesellschaft, berichtete von ihrer jetzt 88-jährigen Großmutter, die als zwölfjähriges Mädchen das Schicksal einer Zwangsarbeiterin erlitt. »Nur durch persönliche Begegnungen wie zwischen Menschen aus Belarus und aus Deutschland bildet sich ein gemeinsames Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens«, machte sie deutlich. »Dann sind Fremde keine Feinde mehr. Aus Fremden werden Freunde.«

Begrüßt hatte die etwa 100 Anwesenden Ernst von der Recke, Vorsitzender des Arbeitskreises Frieden.

Umfangreiche Recherche von WETZLAR ERINNERT e.V. zum Russlandfeldzug
Verknüpfung des Frontverlaufs 1941 – 1945 mit lokalen Ereignissen in der Stadt und dem Altkreis Wetzlar

Aufgrund der historischen Ereignisses haben wir in der heimatgeschichtlichen Rubrik der WNZ »DAMALS« eine dreiteilige Information über das Unternehmen »Barbarossa« veröffentlicht. Die drei Zeitungsseiten, die zwischen dem 21.05. und 08.06. im wöchentlichen Turnus in den mittelhessischen Zeitungsausgaben des VRM erschienen, wurden von Bergis Schmidt-Ehry und Ernst Richter zusammengestellt.

Im Hintergrund dieser Zeitungsveröffentlichungen war seit Mitte Februar ein fünfzehnköpfiges Team aktiv. Hieraus ist – wie der neue Redakteur für die Rubrik DAMALS – Martin Heller – schrieb, »ein wichtiges Zeitdokument [entstanden], das der Verein ›Wetzlar erinnert‹ [ … ], geschaffen hat.« Hierzu schreibt Heller:

»Ein Aufruf auf dieser Seite hatte vor Monaten Hinterbliebene von Zeitzeugen, Heimatgeschichtler und Fotosammler zusammengebracht. Die fast 500 Feldpostbriefe von Waldemar Lesser (Erdbach), Friedrich Wilhelm (Fritz) Donsbach (Merkenbach) und Adolf Hammer (Wetzlar) und deren Bilder erfassten Hans Steinbach, Karin Kaufmann, Rosemarie Rühl-Laue, Elke Zahner, das Ehepaar Ursula und Heiko Fokken, sowie Klaus Kirdorf und Irmtrude Richter. Ein Großteil dieser Brieftexte und rund 80 Bilder von Friedrich Wilhlem Donsbach können auf der Internetseite von Wetzlar erinnert e.V. eingesehen werden. Zu danken ist auch Ingrid Lesser-Wenig (Erdbach) und Birgit Kunz (Merkenbach) und Berthod Burtzel (Lahnau) für die Überlassung von Briefen, Texten und Fotos sowie Ralf Schnitzler (Wetzlar), der das Fotomaterial über die Präsenz der Wehrmacht in Wetzlar, über gefallene Wehrmachtssoldaten sowie die Feldpostbriefe von Adolf Hammer zur Verfügung stellte. Die Verknüpfung der reichsweiten mit den lokalen Ereignissen leistete Dr. Bergis Schmidt-Ehry, Ernst Richter koordinierte das Gesamtprojekt. Die redaktionelle Arbeit teilten sich Dr. Bergis Schmidt-Ehry und Ernst Richter. Das eindrucksvolle Ergebnis dieser Arbeit haben wir für Damals in drei Folgen aufgeteilt.«

Quelle: WNZ vom 21.05.2021

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