Gedenkveranstaltung
des Magistrats der Stadt Wetzlar

Di., 27. Januar 2026,
Beginn: 15:00 Uhr

am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus

Der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust (International Holocaust Remembrance Day) am 27. Januar wurde im Jahr 2005 von den Vereinten Nationen zum Gedenken an den Holocaust und den 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eingeführt.

Der Stadtverordnetenvorsteher und der Magistrat der Stadt Wetzlar luden deshalb zu einer Gedenkveranstaltung vor dem Wetzlarer Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Rosengärtchen ein, der rund 120 Menschen folgten.

Die Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung wurde durch den Stadtverordneten Günter Pohl eröffnet, Oberbürgermeister Manfred Wagner hielt die Ansprache. Die Veranstaltung wurde musikalisch umrahmt von Martin Zörb (Wetzlarer Musikschule Lahn-Dill).

Beeindruckende Schilderungen durch Goetheschüler*innen

Die Gedenkveranstaltung wurde von Schülern des Geschichtsleistungskurses der Goetheschule Wetzlar begleitet, die sich mit dem Schicksal der Familie Rosenthal – insbesondere der 10-jährigen Gerda Rosenthal – beschäftigt haben. Sie lasen u.a. aus Briefen der Familie Rosenthal.

In den nachfolgenden Aufklappfeldern können Sie durch Mausklick Details der Veranstaltung nachlesen /-sehen

Im Rahmen der Gedenkstunde zum Holocaust-Gedenktag 2026 in Wetzlar trugen Schülerinnen und Schüler der AG Schulegeschichte der Wetzlarer Goetheschule dazu bei, das dramatische Schicksal des jüdischen Mädchens Bertha Rosenthal nachzuzeichnen, die nach den Beschlüssen der Wannsee-Konferenz als 12 jähriges Mädchen gemeinsam mit ihrer Familie ermordet worden ist.

Hierbei zitierten die Schüler aus den Briefen, die Bertha und ihre Familie an Erich Rosenthal in die ISA schickte.

Holocaust-Gedenkveranstaltung im Wetzlarer Rosengärtchen am Mahnmal für die NS-Opfer am 27.01.2026
Bild: Lothar Rühl

Lesen sie selbst:

Vorgetragen von Charlotte
Es gilt das gesprochene Wort:

»Lieber Erich!
Ich will auch nach Amerika. Ich lerne auch schon Englisch. Neulich sagte ich zu meiner Mutter: ›I have so Hunger.‹ Aber sie hat mich nicht verstanden. Da habe ich sie ausgelacht. Ich kann auch schon von 1 bis 10 auf Englisch zählen. Ich will Schauspielerin werden.
Gruß Gerda.«

Die Worte, welche Sie gerade gehört haben, stammen aus einem Brief, den die achtjährige Gerda Rosenthal im Oktober 1938 an ihren Cousin Erich schrieb.

Wer war Gerda Rosenthal?
Es handelt sich um ein Wetzlarer Mädchen, das am 17. Januar 1930 geboren wurde, die meiste Zeit ihres Lebens in Wetzlar verbrachte, Anfang der 40er Jahre in einem Kinderheim in Frankfurt lebte und 1942 von den Nationalsozialisten um ihr Leben getötet wurde.

Sie werden heute ein Mädchen kennen lernen, das sehr lebensfroh, musikalisch und fleißig war. Wir möchten Ihnen Gerdas Persönlichkeit vorstellen; ihr Leben als diskriminierte Jüdin in der NS-Diktatur; ihre Hoffnung, den Umständen in Deutschland entfliehen und im Ausland ein besseres Leben führen zu können. Unser Wunsch ist es, Gerdas tragische Geschichte zu erzählen, um nach 80 Jahren in Wetzlar an sie zu erinnern, damit ihr Schicksal unter den Verbrechen der NS-Diktatur nicht in Vergessenheit gerät.

Vorgetragen von Linn
Es gilt das gesprochene Wort:

Ted Rosenthal, der Sohn von Gerdas Cousin Erich, hat uns dankenswerterweise viele Briefe zur Verfügung gestellt, mit denen die Wetzlarer Familie Rosenthal den Kontakt zu ihrem in die USA emigrierten Verwandten aufrechterhielt. Diese Briefe ermöglichen uns einen berührenden Einblick in das Leben der Wetzlarer Familie während des Nationalsozialismus.

Es geht um ganz Alltägliches wie Besuche beim Großvater in der Nähe von Kassel, um Ferien, Feiertage, Geburtstagsgeschenke oder Kontakte zu Bekannten in Wetzlar und Umgebung. Gleichzeitig blicken wir mit Erschütterung in das Leben einer verfolgten Familie, deren Existenz in Deutschland auf dem Spiel stand. Hautnah verfolgen wir dadurch ihre verzweifelten Bemühungen um Auswanderung und spüren den Schmerz, wenn wieder eine Hoffnung enttäuscht wurde.

Viele Briefe schrieb Erichs Mutter Herta. Auch seine Tante Minna und Ehemann Bernhard Rosenthal berichteten regelmäßig über das Leben in Wetzlar und hielten Erich mit Neuigkeiten von ihren Kindern Gerda und dem sieben Jahre älteren Ernst auf dem Laufendem. Ernst war ehemaliger Goetheschüler, der in der jüdischen Anlernwerkstatt in Frankfurt eine Lehre als Schreiner begonnen hatte und so schon sein eigenes Geld verdiente, nachdem er die Schule in Wetzlar verlassen musste.

Heute soll es jedoch um seine kleine Schwester Gerda gehen.

Vorgetragen von Melissa
Es gilt das gesprochene Wort:

Ihre Kindertage verbrachte Gerda in der Wetzlarer Bannstraße; sie besuchte den nahegelegenen Kindergarten in der Kaiserstraße und wurde dann wohl in Niedergirmes eingeschult.

Die Briefe vermitteln uns den Eindruck von einem intelligenten, sehr talentierten, hilfsbereiten und lebensfrohen Mädchen, das selbst den Ernst ihrer Lage noch gar nicht verstehen konnte. Als sie eines Tages nicht mehr zur Schule gehen durfte, freute sie sich über die schulfreien Tage und die Möglichkeit, in die USA auszuwandern, weckte offensichtlich ihre Vorfreude und Neugierde. Sie träumte davon, in Amerika Schauspielerin zu werden und lernte tüchtig Englisch. Ihre Mutter schreibt im Dezember 1938:

»Sie freut sich mächtig und möchte lieber heut als morgen fort.«

Gerda selbst wendet sich an ihren Cousin mit den Worten:

»Lieber Erich!
Wie geht es dir. Hast du die Bilder schon. Wie gefallen dir sie, bin ich groß geworden. I can Englisch […] spuken. […] Gruß Gerda.«

So blieb sie auch in der verzweifelten Lage ihrer Familie optimistisch, ohne ihre frohe Natur zu verlieren.

Zu Fasching 1939 heißt es von dem aufgeweckten neunjährigen Kind in einem Brief:

»Wie findest du Ernst und Gerda auf den Bildern? Gerda ist in Wirklichkeit schöner. Fastnacht Dienstag war sie im ›grünen Laub‹, als Rotkäppchen maskiert; der Musiker hat sie sogar aufgefordert mit der Klatsche auf die große Trommel zu schlagen. Sie geht durch dick und dünn. Dieser Tage half sie Fränzchen Werkmeister [in der benachbarten Gärtnerei] in den Treibhäusern säen. Radieschen bekam sie dafür versprochen.«

Die Briefe zeigen weiter, dass sie größer wird und sich gut entwickelt. Ihre Tante schreibt 1940:

»Gerda ist für ihr Alter sehr weit vor und ist ihre zweite Wetzlarer Großmutter mit dem Mund, aber auch mit ihrer Arbeit fix und fertig. Die befiehlt heute schon ihre Mutter.«

Zudem war sie musikalisch sehr begabt und erhielt über einige Monate hinweg Klavierunterricht. In den Briefen heißt es von ihr, mittlerweile in der Frankfurter Schule, wovon wir gleich noch berichten werden:

»Gerda ist mit einer Zieharmonica nach Frankfurt. Ernst schenkte sie von seinem verdienten Geld, als Geburtstags Geschenk.«

Und zwei Monate später:

»Gerda wird auch groß und bekommt in Frankfurt, da sie musikalisch ist, Klavierstunden. Ich glaube, daß du die Beiden heute gar nicht mehr kennen wirst, weil sie in der Zeit, als du fort bist, sehr groß geworden sind.«

Die Tage in der Schule in Frankfurt ließen sie weiter heranreifen. Wir erfahren im März 1940:

»Gerda war 8 Tage hier; sie ist sehr ernst geworden und gut in der Hausarbeit angelernt. Sie war sonst nur für die Straße zum Spielen, heute hat sich das schon bei ihr verloren und sie freute sich wieder in Frankfurt zu sein bei ihren Kameraden.«

Vorgetragen von Philipp Thorn
Es gilt das gesprochene Wort:

Wir vermuten, dass Gerda in ihrer frühen Kindheit die Volksschule in Niedergirmes besuchte. Als Gerda ab 1938 nicht mehr in Wetzlar zur Schule gehen konnte, machte sich ihre Familie auf die Suche nach einer geeigneten Alternative, die sich über einige Monate hinzog.

Im November schaute sich Gerda mit ihrer Mutter die jüdische Schule in Bad Nauheim an, wo die Eltern sie schlussendlich anmeldeten. Längere Zeit warteten sie auf eine Antwort. Auch von einer weiteren Schule in Stuttgart, bei welcher Gerda ebenfalls angemeldet wurde, kam keine Reaktion.

Erst am 16.04.1939 erhielt Familie Rosenthal die Zusage aus Bad Nauheim. Doch schon Ende Mai 1939 wurde sie aufgelöst. Erneut war Gerda ohne Schule. Bis Oktober musste sie warten, bis sie am Philanthropin, der Schule der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, angenommen wurde und dort im Kinderheim unterkam.

»Die Gerda ist seit 8 Tagen in Frankfurt und geht im Philantropin zur Schule. Sie hat ein gutes Kosthaus. Ich bin froh, daß es wieder ins geordnete Leben führt«,

schrieb ihr Vater Bernhard am 29.10.1939. Durch dieses Zitat wird gut deutlich, wie turbulent die letzte Zeit für Gerda gewesen sein muss.

Bereits nach kurzer Zeit war Gerda schon die Klassenbeste.

»Gerda hat sich sehr gut entwickelt.«,

schrieb Tante Herta am 12. Januar 1941. Ein halbes Jahr später berichtet sie:

»Gerda hat in ihrer Klasse das beste Zeugnis gehabt und ist sehr stolz darauf«.

Ab und zu besuchte sie ihre Familie in Wetzlar, verbrachte aber die meiste Zeit in Frankfurt, teilweise sogar in den Ferien. Im Juli 1941 genoss sie noch die Sommerferien zu Hause, aber sie würde nicht mehr lange in die Schule gehen können. Denn ab April 1941 wurden nach und nach alle jüdischen Schulen aufgelöst. Dennoch kehrte Gerda erst einmal nach Frankfurt zurück, um das neue Schuljahr anzutreten. Als die Lage im November allmählich ernster wurde, sorgte sich ihre Tante bereits darum, wie Gerda noch weiter lernen könne. Sie schrieb:

»Gerda ist noch in ihrer Schule, hoffentlich kann sie noch recht lange dort lernen«.

Bis ins Frühjahr 1942 konnte sie noch in Frankfurt bleiben, begann sogar noch das Klavierspielen. Ihr Drang danach, Neues zu lernen, schien nicht zu enden.

Vorgetragen von Lauri
Es gilt das gesprochene Wort:

Während all dieser Zeit suchte Familie Rosenthal händeringend nach einer Möglichkeit zur Emigration, wenn möglich für die ganze Familie, wenigstens aber für die beiden Kinder Gerda und Ernst.

Im Dezember 1938, ihr Mann war nach den Novemberpogromen in Buchenwald inhaftiert worden, schrieb Gerdas Mutter Minna in einem eindringlichen Brief an Erich:

»Lieber Erich,
Hilfe, Hilfe, Hilfe. […] Ernst habe ich zur Kinderverschickung nach England angemeldet und hat in dieser Woche schon einen Pass beantragt. […] Hilf ihm jetzt. Gerda und ich können später wegkommen. Von deiner Tante Minna.«

Der Kindertransport war ein nach den Novemberpogromen vom »Movement for the Core of Children from Germany« und der »Reichsvertretung der Juden in Deutschland« organisiertes Programm, um jüdischen Kindern das Auswandern in Länder wie Frankreich, England, Belgien oder die USA zu ermöglichen.

Ernst sollte noch in derselben Woche nach England. In einem weiteren Brief vom 18. Dezember 1938 schreibt Minna:

»Lieber Erich!
Vielen Dank für deinen Brief, den ich heute Früh erhielt. Haben nun die Gerda auch für die Kinderverschickung angemeldet, obwohl mir das sehr schwer fällt. Sie freut sich ganz mächtig und möchte lieber heute als morgen fort.«

Wir sehen ein zerrissenes Mutterherz, das trotz aller Not, die die Trennung mit sich bringt, sich gezwungen sieht, beide Kinder ins Ausland zu schicken. Allerdings gestaltete sich die Verschickung schwieriger als gedacht. Als Minna am 29. Januar 1939 wieder an Erich schreibt, sind Gerda und Ernst immer noch in Deutschland.

»Lieber Erich!
Anbei 2 Bilder von den Kindern. […] Mit der Kinderverschickung ist eine Stockung eingetreten. Wir zerbrechen uns den Kopf, wie wir fortkommen. Nächste Woche gehe ich wieder zum Hilfsverein. Deine Mutter ist hier noch gut aufgehoben und vorerst wir versuchen noch zu leben. Brauchst dir um sie keine Sorgen zu machen.

Wir tun alles, damit sie fortkommt. Es ist schwer, ohne Hilfe vom Ausland wird nichts zu machen sein.
Herzliche Grüße deine Tante Minna«,

schreibt sie in ihrem Brief.

Im Januar 1939 traten allgemein große Probleme beim Kindertransport auf. Die Aufnahmekapazitäten in England waren schnell ausgelastet und viele ursprünglich zugesagten Plätze fielen weg, wodurch lange Wartelisten entstanden. Zudem wurden ab Ende 1938 neue Dokumente verlangt, unter anderem eine neue beglaubigte Geburtsurkunde und Ausreisegenehmigungen von der Gestapo, die Termine oft willentlich aufschoben oder absagten. Dadurch kam es Anfang 1939 zu einem Rückgang der Ausreisen.

Alle weiteren Bemühungen blieben vergeblich. Es ist erschütternd am 14. August 1941 zu lesen:

»Lieber Erich!
Auch ich gratuliere dir recht herzlich [zu] deinem? Geburtstag und wünsche dir alles Gute. Vor allem eine gute Anstellung, daß du recht bald deine liebe Mutter kommen lassen kannst. Es wäre wirklich sehr notwendig, daß unser Ernst auch auswandern könnte. Er ist unsere größte Sorge. Könntest du dazu nicht vielleicht etwas dafür tun?

Es sind ja jetzt andere Einwanderungsgesetze, es geht alles über Washington […] und muß alles drüben besorgt werden. Gesund sind wir Gott sei Dank alle vier. Ernst hat die große schmale Figur wie dein Vater selig. Gerda ist ein sehr? hübsches Mädel und die beste in der Klasse. Im Turnen 1.a. und Vorturnerin. Sie hat sich gut in Ungedank erholt und einige Pfunde zugenommen. So Gott will sind wir die Feiertage wieder zusammen. Schreibe bitte uns auch einmal, schon wegen Ernst
und sei recht herzlich gegrüßt von deiner Mina.«

Vorgetragen von Moritz
Es gilt das gesprochene Wort:

Gerda kehrte im Verlauf des Frühjahrs 1942 mit ihrem Bruder Ernst nach Wetzlar zurück. Sie wohnte bei ihrer Familie, die mittlerweile gezwungenermaßen ins Sammellager in der Jahnstraße gezogen war. Von dort wurden sie gemeinsam am 10. Juni nach Frankfurt gebracht.

Sie gehörten zu den Wetzlarer Juden, die am folgenden Tag von der Frankfurter Großmarkthalle aus nach Osten deportiert wurden. Während ihr Bruder Ernst nachweislich in Majdanek ermordet wurde, ist der Rest der Familie verschollen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Gerda in Sobibor umgebracht wurde.


Das Leben dieses fröhlichen Wetzlarer Mädchens endete im Alter von 12 Jahren, nachdem sie bereits über viele Jahre Diskriminierungen erlebt hatte und schrittweise aus dem öffentlichen Leben gedrängt worden war.

Uns bleibt es, an sie zu erinnern, weil es uns wichtig ist, dass wir heute in Wetzlar dieses Mädchens gedenken, das bei ihrer Ermordung jünger war als wir heute.

Uns geht es aber nicht nur darum, dass wir ihren Namen und etwas über ihr Leben kennen. Vielmehr verbinden wir das Gedenken mit unserer Verantwortung, die wir heute nach 80 Jahren haben.

Wir wollen aus der Vergangenheit lernen, denn mit dem Fall des tyrannischen Nazi-Regimes endeten weder Verfolgung noch Unterdrückung in der Welt. Auch heute werden Menschen immer noch aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion verhetzt. Und wir sind sehr betroffen, wie sehr das Leben unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gerade heute gefährdet ist, wenn wir an den Anschlag auf die Beith-Jaakov-Synagoge in Gießen vor zwei Wochen denken.

Aus diesem Grund möchten wir mit dem Appell schließen:

Lassen wir das nicht zu, helfen wir unseren Mitmenschen und bekämpfen wir das Unrecht, das ihnen angetan wird.

Auch kleine Taten können große Wirkung haben.

Bilder: Lothar Rühl und Ernst Richter