über die NS-Krankenmorde in der Psychiatrie Weilmünster

Am 21. Sept. wurde der LEO auf dem Gelände der ehemaligen VITOS-Kliniken in Weilmünster eröffnet.
Rund 220 Menschen versammelten sich am Montag, dem 21. September 2026 im oberen Teil des weitläufigen Klink-Geländes der Psychiatrie im Weiltal in und vor einem eigens aufgebauten Festzelt, um gemeinsam in eine Feierstunde den in den vergangenen neuen Monaten in der ehemaligen Friedhofskapelle errichteten Lern- und Gedenkort Weilmünster (von den Betreibern liebevoll LEO genannt) einzuweihen.

Betreiber dieser Gedenkstätte zu den NS-Krankenmorden ist unser Partnerverein Weilburg erinnert e.V.

Details

über das Pogramm der Eröffnungsveranstaltung und zu dem Projekt unseres Partnervereins Weilburg erinnert e.V.
Gewünschte Details durch Mausklick öffnen

Ab 17:15 Uhr:
Einlass

17:30 Uhr:
Festakt im Wintergarten von Haus 5

  • Grußworte
  • Zum Projekt und zur Ausstellung
  • Zur Ausstellungsgestaltung
  • Theaterbeitrag

ca. 18:45 Uhr:
Gemeinsamer Gang zur historischen Klinikkapelle

ca. 18:50 Uhr:
Feierliche Eröffnung und Banddurchschnitt,
Ausstellungsbesichtigung
sowie anschließendes
Get-together mit Imbiss und Getränken

Bilder @ Ernst Richter, Wetzlar erinnert e.V.

REDEBEITRÄGEN WURDEN GEHALTEN VON

  • Susanne Simmler
    Landesdirektorin des Landeswohlfahrtsverbandes
    Hessen
  • Mario Koschel
    Bürgermeister der Gemeinde Weilmünster
    Dr. Sebastian Schönemann
    Stellvertretender Leiter der Gedenkstätte Hadamar
    Esther Storto
    Geschäftsführerin der Vitos Weil-Lahn gGmbH
    Markus Huth
    Vorstandsvorsitzender Weilburg erinnert e. V.
    Anja Horstmann M. A.
    Historikerin und Kuratorin
    Gerald Lohninger und Hans Kropshofer
    Kropshofer*Lohninger –
    Büro für Kunst oder Gestaltung, Linz

Weilburg erinnert e. V. hat einen Raum für den neuen Lern- und Erinnerungsort zu den NS-Krankenmorden in Weilmünster gefunden. Vitos Weil-Lahn stellt dem Verein dafür die Kapelle auf dem Klinikgelände in Weilmünster zur Verfügung. Esther Storto (Geschäftsführerin Vitos Weil-Lahn) und Axel Riedl (Technischer Leiter von Vitos Weil-Lahn am Standort Weilmünster) übergaben dazu symbolisch den Schlüssel an Markus Huth, Vorsitzender von Weilburg erinnert, und Anja Horstmann, Historikerin und Projektleiterin des Vereins.

Die Landesheil- und Pflegeanstalt Weilmünster war ein zentraler Schauplatz der NS-Euthanasieverbrechen in Hessen. Als größte Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hadamar wurden mehr als 3.000 Menschen von Weilmünster nach Hadamar deportiert und dort in der Gaskammer ermordet. Zudem wurden in Weilmünster selbst rund 3.000 Menschen durch überdosierte Medikamentengaben, Misshandlungen und systematische Mangelernährung ermordet. Diese Geschichte ist bislang kaum bekannt – insbesondere in der Region. Der neue Lern- und Erinnerungsort in der historischen Klinikkapelle soll dies ändern: Ziel ist es, historische Aufklärung mit aktuellen ethischen Fragen zur Wertschätzung menschlichen Lebens zu verknüpfen.

Der geplante Übergang der Neurologie an das Kreiskrankenhaus in Weilburg und die Schließung der Vitos Klinik für Psychosomatik markieren eine Zeit tiefgreifender Veränderungen für den Klinikstandort. Vitos Weil-Lahn ist das Andenken der dort im Nationalsozialismus ermordeten Menschen ein wichtiges Anliegen. Der Lern- und Erinnerungsort, der von „Weilburg erinnert“ und Vitos in der Klinikkapelle gemeinschaftlich errichtet wird, steht daher nicht nur für historische Verantwortung, sondern auch für ein klares Bekenntnis zu gesellschaftlichen Werten in einem sich wandelnden Umfeld.

Vitos Geschäftsführerin Esther Storto betont: »Als Nachfolgegesellschaft der damaligen Institution tragen wir eine besondere Verantwortung, die Geschichte aufzuarbeiten und gleichzeitig eine Zukunft zu gestalten, in der allen Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht wird.«

Auch PD Dr. med. Christoph Best, ärztlicher Direktor des Klinikums am Standort Weilmünster, ist gespannt auf den Lern- und Erinnerungsort: »Ich freue mich immer, wenn ich Schülergruppen auf unserem Klinikgelände sehe: Junge Menschen, die die Zukunft gestalten und zugleich an die Geschichte erinnern. Aktuell ist es wichtiger denn je, ganz bewusst in diese dunkle Zeit der NS-Krankenmorde zurückzublicken.«

Die Erinnerungsarbeit in Weilmünster erhält großzügige finanzielle Unterstützung: Die Deutsche Postcode Lotterie fördert die Erinnerungsarbeit zur NS-Euthanasie des Vereins Weilburg erinnert e.V. mit 100.000 €. Dank dieser Förderung kann die theaterpädagogische Arbeit fortgesetzt und eine Ausstellung zur Erinnerung an die Verbrechen auf dem Klinikgelände geschaffen werden.

Katja Diemer, Head of Charities bei der Deutschen Postcode Lotterie, erklärte: »Wir freuen uns, dass wir dank unserer zahlreichen TeilnehmerInnen dieses bedeutende Projekt unterstützen können. Zusammen mit Weilburg erinnert e. V. und allen weiteren über 2.400 Organisationen, die wir bereits gefördert haben, setzen wir uns für Mensch und Natur sowie eine bessere Welt ein – das ist unser #PostcodeEffekt. Für die Umsetzung wünschen wir viel Erfolg.«

Der Lern- und Erinnerungsort setzt auf innovative Konzepte wie »New Learning«, um insbesondere junge Menschen anzusprechen.

Neben einer modernen Ausstellung sind interaktive Workshops geplant, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden. So möchte Weilburg erinnert e.V. einen Ort schaffen, der Bildung, Begegnung und sozialen Zusammenhalt nachhaltig fördert.

Schon seit fünf Jahren ergänzte unser Weilburger Partner sein vielfältiges Angebot von Theateraufführungen für Schulklassen und einem interessierten Publikum zu den Ereignissen der NS-Zeit mit einem theaterpädagogischen Angebot, zu dem die Schauspiel-Duo Chrischa Ohler und Sjef van der Linden von Theater Mini Art (Bedburg-Hau) Schüler*innen der Gymnasialklassen aus der Weiltals-Schule jeweils eine Woche lang begleiteten, um ihre selbst recherchierten Kenntnisse über die NS-Krankenmorde zwischen 1935 und 1945 in einer gemeinsamen Theateraufführung den anderen Schüler*innen, dem Lehrkörper, den Eltern und einer interessierten Öffentlichkeit aus der Stadtgesellschaft aufzuführen. Wer diesen einmal jährlichen Aufführungen beiwohnte, wurde Zeuge einer vielfältigen Palette unterschiedlichster, beeindruckender Ausdrucksformen, mit denen die beteiligten Jugendlichen in die Rolle von Opfern, Tätern und Verwandten der Opfer, aber auch der von außen auf die Psychiatrie draufschauenden Einwohner Weilmünsters. Am Ende oftmals mahnende Worte für uns heute darauf zu achten, dass die Würde des Menschen unantastbar sein muss.

Als vor zwei Jahren bekannt wurde, dass der Klinikkonzern Vitos für den Standort in Weilmünster keine Perspektiven sähe und das Anwesen veräußern will, meldeten sich unsere Weilburger Mitstreiter*innen öffentlich zu Wort, dass bei aller anderweitigen Nutzungsmöglichkeiten des historischen Areals für gehobene Wohnprojekte und Freizeitlocations eines nicht vergessen werden darf: Das Erinnern an die NS-Krankenmorde an dieser Stelle!

In zeitweilig komplizierten und komplexen Verhandlungen konnte Weilburg erinnern e.V. unter dem Vorsitz von Markus Huth erreichen, dass VITOS dem Verein die historische und unter Denkmalschutz stehende Klinikkapelle übergab. Damit war aber das Problem eines Gedenkortes nicht gelöst, sondern fing erst richtig an: Weilburg erinnert e.V, hat seitdem in enger Zusammenarbeit mit Vitos Weil-Lahn und weiteren Partnern, dieses Vorhaben realisiert. Rund 215.000 Euro hat der Verein bislang in Aufbau, Ausstellung, Ausstattung und begleitende Sanierungsmaßnahmen investiert. Vitos hat zusätzliche rund 50.000 Euro für die denkmalfachgerechte Instandsetzung der Kapelle beigesteuert. Fördermittel aus öffentlicher Hand, Spenden und ehrenamtliches Engagement machten das Vorhaben trotz der überwiegend ehrenamtlichen Trägerschaft möglich. Zu den wichtigen Förderern zählen die Deutsche Postcode Lotterie und die Stiftung Erinnern, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und die HLZ.

Der neue Lern- und Erinnerungsort (LEO) soll einen dauerhaften Raum schaffen, der speziell an die Opfer der nationalsozialistischen Medizinverbrechen erinnert und zugleich die Geschichte der Landesheilanstalt Weilmünster aufarbeitet. Die wissenschaftlich-kuratorische Leitung liegt bei der Historikerin Anja Hortmann (Koratorin des LEOs), die Gestaltung wurde vom Linzer Büro Kropshofer & Lohninger (Österreich) realisiert. Heimische Handwerker und Bauunternehmer wurden mit der fachgerechten Renovierung der Kapelle beauftragt.

Das Ergebnis ist ein Meisterwerk. Weilburg erinnert e.V, kann auf das Geleistete stolz sein, wir können davor nur (im wahrsten Sinne des Wortes) »den Hut(h) ziehen!«.

Wir werden eine Gedenkstättenfahrt von Wetzlar zum LEO organisieren.