Mahnwache
Ein Jahr nach dem rassistischen Terroranschlag gedachten wir der Opfer von Hanau

Rund 300 Menschen folgten dem Aufruf und kamen zur Mahnwache am 19.02.2021 auf den Wetzlarer Domplatz

Das Treffen fand statt am Jahrestag des Anschlags

Fr., 19. Februar 2021, 19:00 Uhr
auf dem Domplatz in Wetzlar

Es wurde der neun heimtückisch ermordeten Opfer des Anschlags vom 19. Februar 2020 in Hanau gedacht: 

Hier finden Sie die Auflistung des Personen- und Organisationskreises, der zu dieser Veranstaltung aufgerufen hatte, eine Fotostrecke von der Mahnwache sowie einen Veranstaltungsbericht. Des weiteren Hintergrundinformationen zu dem Attentat am 19.02.2020 in Hanau und der »Initiative 19. Februar Hanau«. Auch die Redebeiträge auf der Mahnwache sind hier registriert. Gewünschtes zur Ansicht anklicken.

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Bilder © Mohammad Youssef und Heiner Jung

Zum Jahrestages des rassistischen Anschlags am 19. Februar 2020 wurde auf Initiative des DGB-Kreises Lahn-Dill von 74 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Organisationen zu einer Mahnwache auf dem Domplatz aufgerufen. Nach dem Glockenschlag um 19:00 Uhr erschallte der Benefiz-Song des Rappers AZZI MEMO, der in Hanau groß wurde und einen Teil der Opfer von Hanau kannte.

Rund 300 Teilnehmende aus Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Gesellschaft konnte DGB-Sekretär Robin Mastronardi auf dem Wetzlarer Domplatz begrüßen: »Die Opfer des rechtsterroristischen Anschlags waren keine ›Fremden‹, sondern Menschen aus der Stadtgesellschaft von Hanau.« Mastronardi moderierte das Gedenken unter dem Motto »Hanau ist überall« zu dem unter dem Abendhimmel immer wieder die Gesichter und Namen von Fatih Saraçoğlu, Vili Viorel Păun, Kaloyan Velkov, Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi – der neun Opfer von Hanau – hausgroß an die Domfassade projiziert wurden.

»Gemeinsam stehen wir fest an der Seite der Familien der Opfer, die Unsägliches erlitten haben und bis heute erleiden müssen«. Die Serie rechter Gewalttaten seit den 90er Jahren und nun die in Hanau müsse uns ein für allemal wachrütteln und zur Umkehr aufrufen, betonte der stellvertretende Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill, Pfarrer Christoph Schaaf.

Tonaufnahmen aus dem Kreis der Familienangehörigen und engster Freunde der Getöteten über den nicht heilenden Schmerz und deren bis heute von den Behörden unbeantwortete Kernfrage, warum das Massaker von Hanau überhaupt geschehen konnte, wurden zu Gehör gebracht. Ergänzt durch die politischen Forderungen der Angehörigen und Freunde der neun Opfer vorgetragen in Kurzbeiträgen von den Initiatoren*innen dieser Mahnwache.

Die Ereignisse der Tatnacht zeichnete MdL Hermann Schaus (DIE LINKE) nach und forderte, dass die Angehörigen Antworten auf ihre quälenden Fragen bekommen müssten.

Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) erklärte, mit dem Gedenken habe man ein starkes Zeichen gesetzt. Ein Zeichen der Trauer, der Erinnerung, des Mitgefühls für die Hinterbliebenen, der Solidarität mit allen Hanauern und ein Zeichen gegen Hass und Rassismus. »Hanau ist überall«, erklärte er bei der Aufzählung rechtsradikaler Gewalttaten in den vergangenen Jahren. »Das muss uns wachrütteln.«

Teilnehmende der Veranstaltung zündeten Kerzen an und stellten sie an kleinen Bildtafeln der Getöteten auf dem Boden auf. Mit einer Schweigeminute klang das Gedenken aus.

Kreis der Aufrufer*innen

A
Alevitische Gemeinde Wetzlar
Arbeitskreis Brot für die Welt – TIKATO
Attac, Lahn-Dill
Ausschuss für öffentliche Verantwortung des Ev. Kirchenkreises an Lahn und Dill

B
Volker W. Betz
RA Guido Block-Künzler
Bündnis 90/Die Grünen, Stadtverband Braunfels
Bündnis 90/Die Grünen, Stadtverband Wetzlar

D
Deutsche Kommunistische Partei, Kreisorganisation Lahn-Dill
Deutscher Gewerkschaftsbund, Kreisverband Lahn-Dill
Die Linke
Die PARTEI, Lahn-Dill
Sarah Dubiel

E
Ev. Kirche Hermannstein
Evangelischer Kirchenkreis an Lahn und Dill

F
Flüchtlingshilfe Mittelhessen e.V.

G
Gudrun Geißler
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Gießen-Wetzlar e.V
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Wetzlar
Dr. Ulrike Göttlicher-Göbel
Pfarrer Wolfgang Grieb
MdL Stephan Grüger
Grüne Jugend

H
Dominic Harapat
Dipl. Psych. Petra Haunert-Imschweiler
Pfarrer Björn Heymer
Klaus Hugo
Markus Huth

I
IG Metall Herborn
IG Metall Mittelhessen
Landrat a.D. Dr. Karl Ihmels
Internationaler Bund Südwest gGmbH, Hessen Nord

J
Jusos Lahn-Dill
Jusos Wetzlar

K
Rainer Kamara
Kirchliche Arbeitskreis Flucht des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill
Sylvia Kornmann
Stadtrat Norbert Kortlüke

L
Linksjugend, Lahn-Dill

M
Harald Mende

N
NaturFreunde Wetzlar
Diethelm Nickel

O
Christiane Ohnacker
Martin Otto

R
Ernst Richter
Irmtrude Richter

S
Stefan Sachs
Sandra Schäfer
MdL Hermann Schaus
Oliver Scheld
Manfred Schiebel
MdB Dagmar Schmidt
Célestine Schönau
Landrat Wolfgang Schuster
Seebrücke Wetzlar
Susanne Seibert
Dr. Uwe Seibert
Kevin Sitte
Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Unterbezirk Lahn-Dill
Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Stadtverband Wetzlar
SPD Wetzlar
SPD-Kreistagsfraktion Lahn-Dill
Heidi J. Stiewink

T
Andrea Theiß

V
ver.di Mittelhessen, Fachbereich 06

W
Oberbürgermeister Manfred Wagner
Weilburg erinnert e.V., Vorsitzender
Wetzlar erinnert e.V.
Hans-Peter Wieth
Dr. Wilhelm Wilmers
Susanne Wirtz
Dr. Walter Woeller
Mario Wolf


Wer ist Azzi Memo?

Er wuchs im hessischen Hanau auf. Seine Familie zog vom Asylbewerberheim in ein Hochhaus in einem sozialen Brennpunkt in Hanau. Als ältestes Kind übernahm er Verantwortung für seine jüngeren Geschwister und fungierte als Dolmetscher. Seine Schulkarriere verlief nicht erfolgreich, laut eigener Aussage fiel er »als Schüler in eine Leere« und baute deshalb »Scheiße«. 2013 holte er jedoch sein Abitur nach und beendete eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Von seinen Freunden ermuntert, seine Rapkarriere weiterzuverfolgen, begann er Videos auf YouTube hochzuladen. Sein erster Clip war Nachtleben über die Nachwuchsplattform 385idéal. Zudem engagierte er sich im Jugendplenum der Stadt.

Über seinen Freund Capo lernte er auch Haftbefehl kennen, beide nahmen ihn im Frühjahr 2017 bei Generation Azzlack unter Vertrag. Sein erstes Album Trap ’n’ Haus, das er selbst als Mixtape bezeichnet, erschien am 26. Mai 2017 und ist damit nach Soufians Album Allé allé das zweite Album der Generation Azzlack. Es erreichte Platz 31 der deutschen Charts. Erfolgreich wurde die Single AMG2 zusammen mit dem Rapper Eno, die Platz 8 der deutschen Charts erreichte.

Bei der fünften Videoauskopplung Mufasa kam es zu einem skurrilen Vorfall, als im Video plötzlich ein seit mehreren Tagen vermisster Junge zu sehen war. Der Rapper war nach Berlin gefahren und hatte dort spontan mit Freunden das Video im Görlitzer Park gedreht, als der vermisste Junge im Bild erschien. Einen Tag später wurde der Junge von seiner Familie wiedergefunden.

Im September 2018 erschien sein Debütalbum Surf ’n’ Turf. Die beiden Vorabsingles Flouz zusammen mit Capo und Bei Nacht erreichten beide die deutschen Charts. 2019 spielte er in der Netflix-Serie Skylines mit.

Einige Tage nach dem Anschlag in seiner Heimatstadt Hanau im Februar 2020 gab Azzi Memo bekannt, dass er an einem Benefiz-Song für die Todesopfer und Hinterbliebenen des Anschlags arbeite. Zudem besuchte er einige der Überlebenden.

Im April 2020 veröffentlichte er, zusammen mit 18 weiteren Musikern, den Track Bist du wach? Das Lied richtet sich in erster Linie gegen Rassismus. Gleichzeitig wird auch der Todesopfer des Anschlags in Hanau im Februar 2020 gedacht. Die Single stieg auf Rang 31 in die deutschen Single-Charts ein.

Quelle: Wikipedia

Ein Sprachrohr der Opferfamilien und engster Freunde der Ermordeten:

Initiative 19. November Hanau

»Nach den rassistischen Morden in Hanau am 19. Februar 2020 haben wir uns auf Mahnwachen, Kundgebungen und Beerdigungen ein Versprechen gegeben: Dass die Namen der Opfer nicht vergessen werden. Dass wir uns nicht allein lassen. Dass es nicht bei folgenloser Betroffenheit bleibt. Die Kameras und Politiker*innen verlassen jetzt wieder die Stadt. Wir bleiben. Wir gründen eine Initiative, um der Solidarität und den Forderungen nach Aufklärung und politischen Konsequenzen einen dauerhaften Ort zu geben. Wir werden nicht zulassen, dass der 19. Februar 2020 unter den Teppich gekehrt wird – so wie die unzähligen rechten Morde zuvor. Und auch nicht, dass erneut Täter geschützt und ihre Gewalt verharmlost werden.«

Gehe zur Website »19. Februar Hanau«

Redebeiträge auf der Mahnwache

Die Stimmen aus Hanau – Audiofile


Vertreter*innen uns dem Kreis der Initiatoren dieser Mahnwache verlasen die politischen Forderungen der Angehörigen und Freunde der neun Opfer in Form von Kurzbeiträgen. Hier der Wortlaut:

Einleitung
(Sarah Dubiel Linksjugend)
Liebe Freundinnen und Freunde,
genau ein Jahr ist es nun her, dass ein Rassist am 19.02.2020 in Hanau 10 Menschen ermordet hat.
Der Täter hat aus Rassismus kaltblütig und ganz bewusst
• Ferhat
• Fatih
• Gökhan
• Hamza
• Kaloyan,
• Mercedes
• Nesar
• Sedat und
• Vili
erschossen und die Überlebenden und Betroffenen dieser Tat werden nie wieder so leben können wie vorher.

Um ihnen auch in Wetzlar unsere Solidarität zu zeigen, stehen wir nun als Bündnis aus verschiedenen Parteien und Vereinen vor euch.
Die Betroffenen aus Hanau berichten immer wieder davon, dass sie allein gelassen werden und selbst über die Tat und den Tathergang ermitteln müssen. Nach und nach setzen sich immer mehr Puzzleteile zusammen, in denen klar werde wie viele Warnungen ignoriert wurden und das die Polizisten in Hanau lieber migrantische Jugendliche und Kinder schikanieren, anstatt sie zu beschützen. Dabei sei es ja eigentlich ihre Pflicht auch ihnen Schutz zugeben und vor allem bewaffneten Nazis die Waffen abzunehmen!

Sie rekonstruieren eigenständig die Tatnacht und die Tage davor und finden immer mehr behördliches Versagen:
Zum Beispiel war der Notruf war in der Tatnacht kaum besetzt und auf behördliche Anordnung waren die Notausgänge in der Arena Bar versperrt und wäre das nicht der Fall gewesen, so hätten mehr Menschen überleben können.

Doch Innenminister Beuth schweigt auch im Innenausschuss weiterhin zu seinem Versagen und den strukturellen Problemen innerhalb der Behörden.
Doch auch von anderen Regierenden gab es vor allem weiterhin nur warme Worte, doch damit verschwindet der Rassismus in unserer Gesellschaft nicht- sie beruhigen maximal ihr eigenes Gewissen!

Daher fragen die Betroffenen und wir die Politik im Land und Bund und die Behörden:

Worauf wartet ihr eigentlich, wenn nicht auf den nächsten Anschlag?

Es zählt ja leider heute schon als Erfolg, dass die Tat als das anerkannt wird, was sie war: Rassismus – und der Täter kein Einzeltäter. Obwohl das selbstverständlich sein sollte, mussten so viele Hinterbliebene selbst Jahrzehnte um genau diese Benennung kämpfen!

Doch das reicht uns nicht – wir wollen Taten sehen!

Wir wollen, dass Hanau keine Station von vielen ist, sondern die Endstation.

Wir sagen ein Jahr danach: Es muss sich endlich nicht nur etwas, sondern vieles in diesem Land ändern.

Da die Betroffenen nicht hier in Wetzlar sein können, um auch hier ihre Forderungen zu sagen, übernehmen wir das stellvertretend für sie. Denn Egal ob Wetzlar, Gießen, Marburg oder Friedberg – HANAU ist überall!

1. Aufklärung:
(Darja Espenhain, von der Linksjugend)
Wir fordern eine lückenlose Aufklärung der Tat des 19. Februar 2020.

Warum wurden diese Morde nicht verhindert?

Wir fordern Antworten auf unsere Fragen und dass diejenigen Beamten, die nicht nur in der Tatnacht, sondern all die Jahre davor bereits versagt und die Warnsignale ignoriert haben, beim Namen genannt und zur Rechenschaft gezogen werden.

2. Konsequenzen:
(Arne Beppler vom DGB)
Wir fordern politische Konsequenzen. Die Verschärfung des Waffengesetzes ändert nichts, wenn es immer noch Beamte gibt, die ihrem Beruf nicht nachkommen und Rassisten die Waffenscheine ausstellen. Wir fordern eine Entnazifizierung des Bundestags, der Behörden und Institutionen und die Entwaffnung aller Rassisten in diesem Land.

3. Rücktritt:
(Michelle Breustedt von den Jusos)
Wir fordern den Rücktritt des Hessischen Innenministers Beuth, dem das Versagen der Behörden vor, während und nach dem 19. Februar 2020 bewusst und bekannt war, und der es bis heute immer noch schönredet.

4. Rücktritt:
(Hüseyin Demir, von den Jusos)
Wir fordern den Rücktritt aller Verantwortlichen, die lebensbedrohliche Informationen und Warnsignale für jede Form von terroristischen Anschlägen ignorieren oder verschweigen.

5. Gerechtigkeit und Unterstützung:
(Irmi Richter von Wetzlar erinnert e.V.)
Wir fordern Gerechtigkeit und Unterstützung.

  • Dass das Leid der Familien ernst genommen wird.
  • Dass durch Taten und nicht nur Worte oder Kränze gezeigt, ja bewiesen wird, dass dieser Anschlag und dass Rassismus und Rechtsextremismus in diesem Land nicht geduldet, toleriert und akzeptiert werden.
  • Dass alles Erdenkliche dafür getan wird, den Familien weitere Sorgen zu ersparen und ihnen ihren zerrütteten Alltag und ihre Zukunft zu erleichtern, so gut es geht – psychosozial und finanziell.

6. Erinnern:
(Walter Schäfer von der GEW)
Wir fordern ein angemessenes Erinnern. Ein Denkmal an unsere neun Verlorenen – zentral – sichtbar und vor allem spürbar für alle. Die Thematisierung des rechtsextremen Attentats des 19. Februar 2020 und die Aufrechterhaltung der Erinnerung an sie in allen Bildungsinstitutionen.

7. Rechtsterrorismus – Opferfond:
(Anja Mika von Seebrücke)
Unterstützung: Wir fordern einen Rechtsterrorismus – Opferfond und wollen, dass die Hessische Landesregierung die Hinterbliebenen und Überlebenden angemessen entschädigt durch unbürokratische Einmalzahlung aus einem solchen Fond.

Deshalb haben wir zusammen mit der Bildungsstätte Anne Frank und der VBGR eine campact-Kampagne gestartet und brauchen eure Unterstützung.
Informiert euch auf: initiative19.org und unterschreibt die Petition!

8. Schluss:
(Sahrah Duiel, Linksjugend)
Die Überlebenden und Betroffenen haben sich ein Versprechen gegeben:
»Nie zu vergessen und Nie zu vergeben«
Und dem schließen wir uns an
und zeigen offen unsere Solidarität
und möchten zusammen mit ihnen für eine bessere Welt kämpfen!

(Es gilt das gesprochene Wort)

Worte des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill
Pfarrer Christoph Schaaf, Assessor

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde, die wir heute vereint sind in Schmerz und Trauer um die furchtbaren, rassistisch motivierten Morde, die vor einem Jahr in Hanau verübt wurden!

Mit dem Geläut der Kirchenglocken des Doms sind wir zur Sammlung gerufen, zum aufmerksamen und wachen Innehalten mitten im Alltag.
Nötiger denn je ist dieses Zeichen – Menschen und Initiativen solidarisieren sich heute in über 150 Städten bundesweit, um der Opfer dieses rechtsextremistischen Anschlages des 19. Februar 2020 zu gedenken. Gemeinsam stehen wir fest an der Seite der Familien der Opfer, die Unsägliches erlitten haben und bis heute erleiden müssen – und in deren Seelen sich dieses Datum fest eingebrannt hat.

Denn das Leben von neun Menschen wurde brutal zum Schweigen gebracht. Ihre Stimmen sind verstummt, sie können nicht mehr erklingen, ihre Gesichter nicht mehr leuchten, ihr Herz nicht mehr vor Glück jubeln – jäh wurde ihr Leben, ihre Zukunft und ihre Hoffnung zerstört.

Die Grausamkeit dieser Tat, die ein Mensch in rassistischer Verblendung und mit Hass im Herzen vollbracht und der sich am Ende selbst gerichtet hat, lässt uns nicht nur entsetzt verstummen. Es führt uns zum betroffenen Aufschrei.

Es führt uns dazu, laut zu rufen: Stopp! Nicht weiter.

Die Angehörigen fordern: Das muss der Endpunkt all solcher rassistischer Taten gewesen sein!

Diese unheilvolle Kette von Taten rechtsradikaler Gesinnung, die wir mit wachsender Unruhe seit vielen Jahren in unserer Gesellschaft, die Menschen spaltend, beobachten, muss in aller Klarheit und Entschlossenheit durchbrochen werden.

Die Serie rechter Gewalttaten seit den 90er Jahren von Eberswalde über Rostock-Lichtenhagen und Mölln bis Magdeburg, die NSU-Morde, der feige Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der terroristische Anschlag auf die Synagoge in Halle und nun der in Hanau müssen uns ein für alle mal wachrütteln und zur Umkehr aufrufen!

Mich selbst bewegt das biblische Wort, das zum Leitmotiv Dietrich Bonhoeffers wurde, der selbst von den Nazis 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Es lautet (Sprüche 31,8f):

»Tu deinen Mund auf für die Stummen
und für die Sache aller, die verlassen sind.
Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit
und schaffe Recht dem Elenden und Armen.«

Dieses Wort treibt uns an, als Christen nie zu denen zu gehören, die verstummen und gleichgültig oder verschämt wegschauen. Sondern wachsam zu sein, aufzustehen gegen Unrecht und den Mund aufzutun eben genau für die, die keine Stimme haben, die verstummt sind, die zum Schweigen gebracht wurden.

Auch in aller Klarheit und Entschiedenheit mit dafür Sorge zu tragen, dass Tathintergründe und Ungereimtheiten aufgedeckt werden.
Denn wir dürfen nicht weiter zulassen, dass die Welt in »Die« und »Wir« eingeteilt wird.

Sondern, wie Manfred Rekowski, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, betont: »Jede Person soll geschätzt und respektiert werden, so wie sie ist – unabhängig von ihrer Nationalität, von ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Alter, Fähigkeiten und Aussehen«.

Eben weil wir glauben, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes und darum wertvoll ist, müssen wir dies Tag für Tag lernen und mit klaren Worten und entschiedenen Taten belegen, einander in Respekt und Würde gegen Rassismus, Ausgrenzung und abwertende Unterscheidungen zu begegnen.

Wir stellen fest, dass unsäglicher Hass einen Einzelnen zu dieser rassistischen Tat getrieben hat. Aber wir dürfen darauf bei allem Schmerz und in aller Wut nicht mit Hass antworten.

Wenn Rassismus und Hass die Ursache und Folge solcher Verbrechen sind, müssen wir es besonnen anders machen.

Gerade jetzt zu Anfang der Passionszeit gehen wir den Weg mit Jesus Christus, der in seinem Leiden seinen Mund für die Schwachen auftat. Darin eröffnet sich der Weg der Versöhnung und Erneuerung, der uns zu Respekt vor den Mitmenschen führt, das Miteinander in Nächstenliebe gestalten lässt und uns jeden Tag neu vor Augen malt, wie wertvoll das Leben ist, an dem alle Menschen in gleicher Weise teilhaben sollen, dürfen und müssen.

So gedenken wir und mahnen zugleich als Evangelischer Kirchenkreis an Lahn und Dill in Verbindung mit dem Ausschuss für Öffentliche Verantwortung, dem Kirchlichen Arbeitskreis Flucht, dem Arbeitskreis Brot für die Welt – TIKATO und ebenso im Namen der Synodalbeauftragung für das christlich-jüdische Gespräch und das christlich-islamische Gespräch an der Seite aller hier Versammelten.

Wir brauchen Initiativen und Zeichen, die zur Überwindung von Hass und Gewalt führen. Dass wir heute Abend in dieser Vielfalt der Menschen, denen das auf dem Herzen liegt, zusammenkommen, ist ein ermutigendes Zeichen.

Bleiben wir wachsam!

(Es gilt das gesprochene Wort)

Rede des Landtagsabgeordneten Hermann Schaus
DIE LINKE

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
genau heute vor einem Jahr, um 21.53 Uhr, wurden am Hanauer Heumarkt von einem Rechtsterroristen zunächst drei Menschen brutal ermordet.

Mutig stellte sich schon dort Vili Viorel Paun dem Mörder in den Weg und blockierte sein Auto. Wahrscheinlich hat er mit dieser Störaktion weitere Morde am Heumarkt verhindert, denn der Mörder hatte nach seiner Skizze dort 10 Personen ermorden wollen. Nachdem Vili vom Mörder mit vorgehaltener Pistole gezwungen wurde, sein Auto wegzufahren, gab er nicht auf und verfolgte ihn bis nach Kesselstadt. In dieser kurzen Zeit versuchte er zwischen 21:56 Uhr und 21:58 Uhr insgesamt fünfmal die Polizei zu verständigen. Zweimal verwählte er sich in der Aufregung und dreimal kam sein Anruf nicht durch.

Kurz vor dem zweiten Tatort stoppte der verfolgte Mörder, stieg aus seinem Fahrzeug aus und erschoss Vili durch die Windschutzscheibe, bevor er in einem Kiosk und in der daneben liegenden Shisha-Bar weitere fünf Menschen erschoss. Gegen 22:05 Uhr fuhr er dann nach Hause und erschoss, weit nach Mitternacht, erst seine Mutter und danach sich selbst.

Insgesamt 12 Minuten haben vor einem Jahr in Hanau die Welt verändert. Ein Jahr nach den Terroranschlägen von Hanau sind wir alle immer noch zutiefst betroffen.

»Wer jetzt sagt, ›wehret den Anfängen‹, dem muss man sagen, wir sind längst mitten drin,« sagte Herr Landtagspräsident Rhein jüngst in einer Gedenkstunde im Landtag. Unsere Anteilnahme und Unterstützung gilt den Opfern, zu denen auch weitere sieben Schwerverletzte und weitere traumatisierte Überlebende gehören. Unser Zorn und unsere Gegenwehr gelten den Tätern und den Hetzern im Hintergrund. Sie sind es, die mit alledem nichts zu tun haben wollen. Sie sind aber mitschuldig, indem sie sich immer wieder abwertend und rassistisch äußern, indem sie ausgrenzen oder anderen den Tod wünschen. Sie bereiten den Boden für so schreckliche Taten, wie u. a. in Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen, die NSU-Morde, Halle, gegen Dr. Lübcke, wie auch in Hanau, erst vor.

Ein Jahr nach dem Terror von Hanau müssen die Hinterbliebenen endlich Antworten auf ihre vielen quälenden Fragen erhalten. Dies ist, wie ich aus den Gesprächen mit den Angehörigen immer wieder erfahren habe, das, was sie endlich erwarten! Dass die Opfer und Hinterbliebenen sich immer wieder quälende Fragen stellen ist bereits im Mai letzten Jahres deutlich geworden, als wir im Landtag deren Vorwürfe zum Verhalten der Polizei im Innenausschusses zur Sprache brachten.

Im Beisein der Hinterbliebenen kam es zu einer bewegenden Sitzung, in der der anwesende Generalbundesanwalt und der Innenminister viele Antworten schuldig geblieben sind. Sie wollten erst die Ermittlungen abschließen. Seither sind weitere neun Monate vergangen. Und noch immer liegt kein Abschlussbericht der Ermittlungen vor.

Die Fragen der Hinterbliebenen und deren Vorwürfe gegen die Behörden beziehen sich auf vier Komplexe:

  1. Warum konnte der Täter legal Waffen besitzen und sie für sein Attentat verwenden, obwohl er seit 2002 immer wieder mit psychischen Wahnvorstellungen und straffällig in Erscheinung getreten ist?
  1. Warum funktionierte in der Tatnacht das polizeiliche Notrufsystem nicht richtig, verbunden mit der Frage, ob einige der Opfer noch leben könnten, wenn die Notrufe von Vili Viorel Paun durchgekommen wären? Wenige Minuten, in denen möglicherweise weitere Morde hätten verhindert werden können?
  1. Welche Rolle spielte der Vater des Attentäters vor und in der Tatnacht? Warum wurde er nie als Beschuldigter geführt? Jetzt erst – nach den Anzeigen der Hinterbliebenen – wird gegen ihn ermittelt?
  1. Warum war der Notausgang in der Arena-Bar verriegelt und wann werden hierzu Ermittlungen eingeleitet?

All das muss endlich – ein Jahr nach dem Terroranschlag in Hanau – umfassend aufgeklärt werden. Die Angehörigen der Opfer, die, wie der Landtagspräsident so treffend formulierte »in unserer Mitte stehen«, erwarten umfassende Antworten auf ihre sie quälenden Fragen.

Ich schließe mit einem Satz eines Freundes der Ermordeten aus den gemeinsamen guten Zeiten im Jugendzentrum in Kesselstadt. Er sagte jüngst so treffend:

»Ich wünsche mir, dass wir unsere Traurigkeit überwinden können und auch wieder lachen können.
Dass wir bunt werden und nicht mehr schwarz/weiß!«

Ansprache von Oberbürgermeister Manfred Wagner

(Es gilt das gesprochene Wort)

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer
der Mahnwache zum Jahrestag des Anschlages heute vor einem Jahr in Hanau.

Gemeinsam mit Landrat Wolfgang Schuster, der aufgrund eines Trauerfalles in seiner Familie heute nicht mit uns auf dem Domplatz sein kann, bin ich bin stolz darauf, dass wir in Wetzlar zusammenkommen, um der Opfer des rassistischen Anschlages zu gedenken, der heute vor einem Jahr die Stadt Hanau, aber uns alle tief erschütterte.

Ich danke den Initiatorinnen und Initiatoren, dass Wetzlar als eine von rund 150 Städten in Deutschland ein starkes Zeichen setzen kann –

  • ein Zeichen, das unser Entsetzen ob dieses Anschlages zum Ausdruck bringt,
  • ein Zeichen der Trauer,
  • ein Zeichen des Erinnerns an Mitmenschen, die von einem Rassisten mitten aus dem Leben gerissen wurden,
  • ein Zeichen dafür, dass wir nicht von Zahlen reden, sondern von Menschen, die immer einen Platz in unserer Gesellschaft haben und niemals vergessen werden dürfen. Und dazu nennen wir ihre Namen. Denn nichts ist schlimmer als Anonymität:
    • Fatih Saracoglu,
    • Ferhat Unvar,
    • Mercedes Kierpacz,
    • Sedat Gürbüz,
    • Gökhan Gültekin,
    • Hamza Kurtović,
    • Kaloyan Velkov,
    • Vili Viorel Păun,
    • Said Nesar Hashemi.
  • Ein Zeichen des Mitgefühls für die Hinterbliebenen der Opfer, deren Welt am 19. Februar 2020 stehen geblieben ist,
  • ein Zeichen, dass wir der Forderung der Angehörigen der Opfer nach Aufklärung und Gerechtigkeit Nachdruck verleihen,
  • ein Zeichen der Solidarität mit allen Hanauerinnen und Hanauern, denn ein solch menschenverachtendes Verbrechen gräbt sich tief in eine weltoffene, freiheitliche Stadtgesellschaft ein, es hinterlässt tiefe Spuren, die unserem Zusammenleben seine Leichtigkeit nehmen und
  • ein starkes Zeichen gegen Hass und gegen Rassismus, die Ursachen solcher Taten sind.

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
es ist schrecklich, doch müssen wir bekennen, Hanau ist kein singuläres Ereignis gewesen.

Erinnern wir auch in dieser Stunde

  • an die von dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in den Jahren 2000 bis 2007 verübten zehn Morde, von denen neun rassistisch motiviert waren,
  • an tausende von Anschlägen und Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, insbesondere in den Jahren 2015 und 2016,
  • an den Anschlag auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker im Oktober 2015
  • an den rechtsradikalen Anschlag im Olympiazentrum in München im Sommer 2016, der 10 Menschen das Leben nahm,
  • an den Messerangriff auf den Bürgermeister der Stadt Altena, Andreas Hollstein, im November 2017,
  • an den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke am 2. Juni 2019,
  • an den Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 und
  • vor einem Jahr nun Hanau.

Anrede
Hanau ist überall, das muss uns bewusst sein.

Und das muss uns endlich wachrütteln.

Es kann und darf nicht bei den immer wieder geübten Bekenntnissen »Nie wieder bleiben«.

Erinnern wir uns an das Fazit von Erich Kästner, das er ob der Ereignisse zog, die sich 1933 in Deutschland ereigneten.

Sein Fazit ist nach wie vor hoch aktuell – ich zitiere:

»Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen.

Später war es zu spät.

Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird.

Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist.

Man muss den rollenden Schneeball zertreten.

Die Lawine hält keiner mehr auf.

Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat.

Das ist die Lehre, das ist das Fazit dessen, was uns 1933 widerfuhr.

Das ist der Schluss, den wir aus unseren Erfahrungen ziehen müssen, und es ist der Schluss meiner Rede.

Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.«

Soweit Erich Kästner.

Es klingt bei all dem, was wir in unserer Zeit erleben, leider sehr aktuell.

Und damit lasst uns, lassen Sie uns auch aus dieser Mahnwache die Kraft mitnehmen, dass jeder von uns darin bestärkt wird, den immer wieder gebrauchten Worten »Nie wieder« auch konkrete Handlungen folgen zu lassen.

Konkret ist es uns allen am 14. März bei den Kommunalwahlen möglich – wählen wir Demokraten, nicht Rechtspopulisten und auch nicht Rassisten.

Machen wir unser Kreuz »ohne Haken«.

Herzlichen Dank!

Pressespiegel zur Mahnwache – Einsicht und Download als PDF

WNZ-Ankündigung am 17.02.2021 zur Mahnwache – PDF-Download
WNZ-Bericht am 22.02.2021 zur Mahnwache – PDF-Download
WNZ-Leserbrief am 24.02.2021 zur Mahnwache – PDF-Download
Beitrag von Pfarrer Grieb (Synodalbeauftragter für das Christlich-Jüdische und das Christlich-Islamische Gespräch der Ev. Kirche)
Mahnwache am 19.02.2021
Mahnwache Hanau 19.02.2021 WZ Domplatz © Mohammad Youssef und Heiner Jung
Download des Aufrufs (PDF)
Initiative 19. Februar Hanau
Initiative 19. November Hanau
Zur Kommualwahl am 14.03.2021

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