Bemerkenswerte Begegnung
mit den Nachfahren von jüdischen Einwohnern Wetzlars

Am 29. Mai besuchten sieben Nachfahren der Familie Rosenthal die Stadt Wetzlar. Zum einen die Enkeltochter und Urenkelin des in Wetzlar geborenen Dr. Siegfried Rosenthal (Alice und Sarah Domar), zum anderen der Enkel und die Urenkel von Siegfrieds Bruder, Milan Rosenthal (David Rosenthal mit seiner Frau Linda und den Töchtern Jessica L Seplowe und Aimee E. Rosenthal, sowie der Witwe von Davids Bruder – Herbert Mark – Nancy Rosenthal). Sie wurden begleitet von Angelika Rieber und Sylvia Heitz als Vertreterinnen des »Projektes Jüdisches Leben in Frankfurt am Main e.V.«, welches seit 1980 gemeinsam mit der Stadt Frankfurt die jährlich stattfindenden »Wochen der Begegnungen« in der Mainmetropole für Jüdinnen und Juden organisieren, die zwischen 1933 und 1943 aus der Stadt vertrieben wurden.

Wetzlar erinnert e.V. hatte für einen Tagesbesuch in unserer Stadt eine spezielle Führung vorbereitet, die die hauptsächlich in New Jersey ansässigen US-Amerikaner zu elf Stationen führte, die von besonderer Bedeutung für ihre Familie waren.

Zu Beginn des Treffens übermittelte Stadtrat Jörg Kratkey (SPD) die Grüße der Stadt an die US-Amerikanischen Gäste und hieß sie in dem »geschichtsträchtigen Wetzlar« recht herzlich willkommen.

Aus den anschließenden Gesprächen mit den deutschen Gastgebern wurde deutlich, dass die Familie auch jetzt in den USA ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl prägt und insbesondere auch die jüngste Generation der Nachfahren Fragen nach den Lebensumständen ihrer Vorfahren stellt. Heimann Rosenthal betrieb ab dem Jahre 1912 in der Bahnhofstraße 67 (heute Haus Nr. 31, Osman-Markt) eine Getreidehandlung, seine vier Söhne (Nathan, Siegfried, Jakob und Milan) betrieben dort seit den 20er Jahren den Handel mit Holz- und Eisenwaren für den Häuserbau. Siegfried und Jakob zogen nach Frankfurt um und bauten sich dort neue Existenzen auf bevor sie vor den Nazis fliehen mussten. Ein Teil der Familie wurde allerdings auch Opfer der Vernichtungspolitik der Nazis.

Während der Zeit des Dritten Reiches versuchten die in Wetzlar verbliebenen Familienmitglieder auch zu Verwandten Kontakt zu halten, die nicht in Wetzlar ansässig waren. So wurde von regelmäßigen sonntäglichen Besuchen der Verwandten aus Bad Camberg berichtet, wie die Erzählungen der Eltern und Großeltern ergaben. Die Hinterbliebenen konnten sich gut an einige Kinderlieder und -reime erinnern, die ihnen von ihren Eltern und Großeltern beigebracht wurden. Aus dem Fundus der Familienfotos ist eines bemerkenswert, welches ein paar junge Männer in Uniformen des Ersten Weltkriegs zeigt. Es steht beispielhaft für die tragische Tatsache, dass vielfach jüdische Männer als Soldaten und Offiziere Dienst für das deutsche Vaterland geleistet hatten und dafür mit Orden dekoriert wurden. Sie waren also in die Mehrheitsgesellschaft sehr gut integriert. Doch das zählte unter den Nazis nichts mehr, sie wurden genauso verfolgt, gedemütigt, boykottiert und vertrieben oder ermordet wie alle anderen rassisch Verfolgten des Dritten Reiches.

Die Familie Rosenthal war auch Nutznießer der Hilfsbereitschaft von Ernst Leitz II, der für das 1934 erbaute Hochhaus an der Braunfelser Straße Fenster- und Türbeschläge von ihnen liefern ließ oder der nach Frankreich geflohenen Fotografin Gerda Royez (Tochter von Siegfried Rosenthal), deren Fotoausrüstung während des 2. Weltkrieges von den Deutschen vernichtet wurde, eine neue Leica mit allem Zubehör stiftete. Dr. Oliver Nass ließ der Familie seine herzlichen Grüße übermitteln und bedauerte, dass er an diesem Wochenende Nachkommen der Rosenthals nicht im Haus Friedwart empfangen konnte.

Julie Sir und Thomas Welling führten die Gäste danach zu den Stationen in der Alt- und Innenstadt in Richtung Bahnhof, wo die Gäste abends mit dem Zug wieder nach Frankfurt fuhren.

»Weg der Erinnerung«
Ausgewählte Stationen für die Familie Rosenthal zusammengestellt und in englischer Sprache vermittelt:

  • Vor dem Neuen Rathaus:
    Thema: Ernst Leitz II und Leitz GmbH (Gedenkttafel Ernst Leitz II)
    Der Rettungswiderstand, den Ernst Leitz II und seine Tochter Elsie Kühn-Leitz für jüdische Familien in der Stadt und jüdische Geschäftspartner leisteten. Hierunter konkret für die Failie Rosenthal
  • Hinter der Stadtmaurer
    Thema: Alter jüdischer Friedhof:
    Die Schändung des Freidhofs 1942, um aus den hierfür geeigneten Grabsteinen Treppenstufen für einen Splitterbunker zu bauen
    (Anmerkung: aufgrund des Schabbats nur vor der Friedhofstür)
  • Pfannstielsgasse:
    Thema: Gedenkort zur ehemaligen Synagoge
    Die Schändung des Gebäudes während der Reichspogrome im November 1938, der anschließenden Verhaftung und Verschleppung aller jüdischen Männer zwischen 16 und 60 Jahren in das KZ-Buchenwald. Der Abriss des Gebäudes 1958 auf Beschluss der Stadtverordneten
  • Am Eselsberg 1:
    Thema: Arisierung jüdischen Vermögens
    »Zum Bräustübel« • Kneipe des SA-Mannes Angermann,
    Ort, an dem das Finanzamt von Wetzlar den Hausrat aus den zuvor zwangsgeräumten Wohnungen der Jüdinnen und Juden an die »arische« Bevölkerung versteigerte
  • Weißadlergasse:
    Thema: Bekleidungsgeschäft Gold
    Die Ausgrenzung ihrer Tochter als jüdische Schülerin am Lyceum. Die NS-Aktionen »Kauft nicht an Juden«, die Vertreibung nach Frankfurt und die Flucht der Golds nach New-York
  • Domplatz:
    Thema: Naziaufmärsche der NSDAP zum 1. Mai ab 1933 bis 1639
    Zerschlagung der freien Gewerkschaften
  • Domportal auf der Südseite des Doms:
    Thema: Die Tradition des Antisemitismus
    Unterhalb der Steinfigur von der Jungfrau Maria mit dem Jesus-Kinde befinden sich zwei eng umschlungene und feixende Figuren: Der Teufel und der Jude,
  • Buderus-Villa
    Thema: NSDAP-Kreisleitung    
    Funktion dieser Nazibehörde und Charakter des NSDAP-Kreisleiter Haus
  • Hausertorstraße
    Thema: Gestapo im Aldefeld‘sches Haus
    Die Nutzung des Hauses als Verhörstelle der Gestapo Frankfurt. Die Verhaftung von Elsie Kühn-Leitz, weil sie einer Jüdin zur Flucht verhalf, das Spitzelsystem der Gestapo
  • Am Lahnufer
    Pizzeria »La Osteria«
    Gemeinsames Essen der zwölf Personen
  • Am Ende der Bahnhofstraße / Übergang zum Forum
    Thema: Stolpersteine in Wetzlar
    Halt an den Steinen der anderen Familie Rosenthal, die in der Bannstraße wohnte und bis auf den Sohn Erich, dem die Flucht in die USA gelang, in den NS-Vernichtungslagern ermordet wurde.
  • Bahnhofstraße 43
    Thema: Haus der Familie Heimann Rosenthal
    Die Geschichte des Hauses uns swe Geschäfte, die Enteignung 1937
    (Heute Hotel und Lebensmittelmarkt Osman)
  • Verabschiedung am Bahnhofsvorplatz   

Bilder: Ernst Richter und Angelika Rieber © Wetzlar erinnert e.V.