Wer war Bertha Sauer (geb. Walter)?
- Bertha Sauer, geb. Walter wurde 1884 geboren und war mit dem Buderus-Angestellten Ernst Jakob Sauer verheiratet. Sie lebte mit ihrem Mann in dem eigenen Haus »Am Geilberg 4« in Wetzlar. Ihr Mann konnte von der Anhöhe seines Grundstücks auf der anderen Seite des weit gestreckten Lahntals hinter dem heutigen Stadtteil Dalheim an der Hohen Straße das DULAG (Durchgangslager Luft für kriegsgefangene Amerikaner und Briten sehen). Er beobachtete am Morgen des 27. März 1945, wie US-Panzer und -LKWs vor das Lager fuhren und dort die Kriegsgefangenen befreiten und die deutschen Soldaten gefangen nahmen. Hieraus muss Ernst Jakob Sauer geschlussfolgert haben, dass der Einmarsch der Amerikaner nach Wetzlar unmittelbar bevorstehe. Um sein Haus vor kriegerischen Zerstörungen zu schützen, fertigte er ein Schild an auf dem er bekundete, kein Nazi zu sein und die Amerikaner als Befreier begrüßte. Das Schild sahen junge Soldaten und sie verhafteten den 65-Jährigen. Sauer wurde am gleichen Tag wegen »Wehrkraftzersetzung« erhängt. Die Amerikaner haben erst am am 29. März 1945 seinen Leichnam an einem Baum vor dem Alten Friedhof abgehängt.
- Von Bertha Sauer und ihrem Leben ist sehr wenig bekannt, von dem Ehepaar Sauer gibt es auch keine Bilder. Deshalb lassen wir im Nachfolgenden die Akten sprechen. Bertha Sauer stellte eine Anzeige bei den US-Behörden und wurde hierzu vernommen.
Es erscheint im Auftrag der Militärregierung (Herrn Leutnant Salem),
Frau Witwe, Bertha Sauer,
geborene Walter, 60 Jahre alt,
hier, am Geilberg, vier wohnend,
und erstattet folgende Anzeige:Am 27. März dieses Jahres, gegen 16 Uhr wurde mein Mann, der Registrator Wilhelm Sauer, geb. am 5.3.1880 in Plankenbach (Thüringen), von einem Unteroffizier Kreuz festgenommen und zur Kreisleitung der NSDAP gebracht.
Am gleichen Tag wurde mein Mann von der Kreisleitung im Beisein von Kreisleiter Haus und dem Meister der Schutzpolizei Böttcher von sechs Volkssturm Männern auf dem Friedhof erhängt. Die Namen der sechs Volkssturmmänner sind mir nicht bekannt, jedoch wurde mir der »Friseur Henkel «und ein gewisser »Balser« genannt.
Ich selbst kann zur Sache nur das Sagen, was mir später von Nachbarn usw. gesagt worden ist. Zur fraglichen Zeit befand ich mich im Bunker der Leitz-Werke. Mein Mann war zu Hause geblieben beziehungsweise er wollte mir was holen zu essen.
Gegen 16 Uhr wurde ich herausgerufen und bemerkte draußen, dass mein Mann in Begleitung eines Unteroffiziers war. Ich fragte meinen Mann, was er gemacht hätte. Darauf erwähnte er, er hätte einen Zettel geschrieben, den der Unteroffizier im Besitz hätte.
Ich bat diesen, mir den Zettel zu zeigen, was er auch tat. Der Zettel war etwa 20-30 cm groß, von grüner Farbe, auf dem mein Mann in großen, lateinischen Buchstaben folgendes geschrieben hatte:
Schütze mein Haus.
Wir sind keine Nazis,
wir begrüßen die Befreier!Nachdem ich Kreuz den Zettel zurückgegeben hatte, ist er damit zu einem Offizier gegangen.
Ich sah, dass dieser, nachdem er den Zettel gelesen hatte, mit der Hand abwinkte. Was er dazu gesagt hat, habe ich nicht gehört. Jedoch wurde mir gesagt, dass der Offizier gesagt haben soll: »Lass ihn laufen! Er hat ja nichts gemacht.« Kreuz soll aber darauf gesagt haben, er brächte ihn zum Haus. [gemeint ist damit NSDAP-Kreisleiter Wilhelm Haus]. Kreuz ging mit meinem Mann fort und ich hinter ihm her. Vor dem Bürgermeisteramt hörte ich, das Kreuz jemand fragte, wo Haus zur Zeit wäre?
Als er die Antwort erhielt, Haus befindet sich auf der Spielburg, ging Kreuz zur Polizei-Hauptwache auf den Domplatz. Während mein Mann draußen allein vor der Tür stand. […]
- Nachdem man ihr den Mann genommen hatte, ertrug Hertha Sauer es nicht mehr, in ihrem einst trauten Umfeld zu wohnen. Sie hatte nur noch das Ansinnen, von Wetzlar wegzuziehen und versuchte, ihr Haus zu verkaufen. Die Stadt hat
dann die Immobilie übernommen und an die Eltern des heutigen Besitzers veräußert. Wohin sie gezogen ist und Angaben zu ihrem weiteren Leben sind uns nicht bekannt. - Inschrift des Stolpersteins:
HIER WOHNTE
BERTHA SAUER
JG. 1884
AUSGEGRENZT
DRANGSALIERT
ÜBERLEBT - Ihr Wohnort in Wetzlar:
Am Geilberg 4 | D 35578 Wetzlar
Standort des Stolpersteins:
gemeinsam mit dem Stein
• für Ihren Mann: Ernst Jakob Sauer,
Am Geilberg 4 | D 35578 Wetzlar - Paten des Stolpersteins: Irmtrude und Ernst Richter
Angaben zum Bild:
Grafische Nachbildung des Stolpersteins © Wetzlar erinnert e.V.